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Grönland: Im Reich der Eisberge

Vom 14.04.08:

Grönland zählt wahrlich nicht zu den Top-Reisezielen der Welt. Doch wen es hierhin verschlägt, den verzaubert eine atemberaubende Natur.


Begeistert ist die Kleine nicht. Sie zieht dennoch erneut das mit Perlen bestickte weiße Hemd über, greift nach der Handtrommel und stimmt mit ihrer Großmutter nochmals den Spottgesang an – für die Nachzügler, die zu spät zu der traditionellen Aufführung vor dem Museum von Tasiilaq gekommen sind. Die Frau und das Mädchen tanzen Gesicht vor Gesicht voreinander herum, schneiden Grimassen und singen einander höhnend ins Ohr. Als das Publikum dann applaudiert, verabschiedet sich die Kleine schnell. Ihre Großmutter zuckt mit den Schultern: »Meine Chefin hat keine Lust mehr.«

Einige Zuschauer bleiben auf der Anhöhe noch eine Weile im Gras sitzen. Vor sich das Meer, in dem Eisberge treiben. Rechts und links schroffe, mit Gletschern bedeckte Berge. Im Rücken das Blumental, dessen Hänge im Juli und August von Glockenblumen und Weidenröschen blau und rosa eingefärbt werden. Dann schlendern sie wieder durch den kleinen Ort, der im Sommer Ziel einer bunten Schar von Touristen ist: Wanderer, Trekker, Kajakfahrer oder Kreuzfahrt-Passagiere. Oder aber Island-Urlauber, die einen kurzen Abstecher hierher machen.

Tasiilaq befindet sich im Osten Grönlands, knapp unterhalb des nördlichen Polarkreises. Viel zu sehen gibt es in der Ansiedlung selbst nicht – ein Museum über die Kultur der Inuit, der hiesigen eskimoischen Volksgruppe, die für Grönland typischen kleinen bunten Holzhäuser, ein Laden mit Kunsthandwerk. Damit ist der Ort auf der nicht einmal 57.000 Einwohner zählenden Insel keine Ausnahme. Die herbe Schönheit der Landschaft lockt die Besucher in diesen abgelegenen Winkel der Welt. Die zackigen Berge, die in unberührten Fjorden aus dem stahlblauen Wasser steigen. Die grünen Wiesen, die sich wie ein dicker Teppich über sanft geschwungene Hügel legen. Und natürlich das Eis: Rund 85 Prozent der größten Insel der Welt sind mit Eis bedeckt. Nur an den Küsten des Westens, Südens und Ostens ist im Sommer ein Streifen nicht weiß. Massige Gletscher kalben allerorts ins Meer und spucken Eisberge ins Wasser. Die treiben dann vor der Küste, nehmen bizarre Formen an und schillern – je nach Tageszeit, Wetter und Licht – dunkelblau, türkis, weiß, goldgelb oder orange.

Semeq Kualleq heißt der bekannteste Gletscher. Er produziert jene riesigen Eisberge, die in der Diskobucht schwimmen und soll auch für den Gigangten verantwortlich gewesen sein, den einst die Titanic rammte. Das viele Eis macht diese Region im Westen der Insel zu Grönlands Hauptreiseziel. Besucher wandern in Ilulissat zum Eisfjord des Semeq Kualleqs. Andere brechen zu Bootstouren auf und umrunden die Eisberge – im arktischen Sommer mit seinen hellen Nächten auch zu später Stunde. Und einige entscheiden sich für einen Hubschrauberflug über die Eislandschaft. Vorausgesetzt natürlich das Wetter ist schön: Dicker Nebel hängt manchmal tagelang in der Diskobucht und sorgt für eine gespenstische Atmosphäre. Nur das Jaulen der Hunde dringt durch das Nichts.

In den Orten an der Diskobucht und  auch anderswo halten die Einheimischen eine nur auf Grönland lebende Rasse von Schlittenhunden. Im Sommer liegen sie angekettet und meist dösend zwischen den Häusern, im Winter ziehen sie als Begleiter der Jäger Schlitten mit Tempo übers Eis (einige Schlittenführer bieten auch Touren für Touristen an).

Die Hunde sind aber nur nördlich des Polarkreises anzutreffen. Im Süden will man die wilden Tiere nicht, denn dort gibt es Schafe und diese könnten von den oft gefährlichen Hunden angegriffen werden. Überhaupt hat der Süden ein etwas anderes Gesicht als der Norden. Das Klima ist milder – wenn auch hier das Thermometer selten über 20 Grad Celsius klettert –, die Landschaft grüner. Bereits die Wikinger schätzten das, Ruinen zeugen noch heute von ihrer Anwesenheit. In Qassiarsuk soll Erik der Rote Ende des zehnten Jahrhunderts gesiedelt haben. Er taufte die Insel Grönland, also »grünes Land«. Eine Frau im Wikingergewand empfängt Gäste in einem nachgebauten Langhaus und erzählt von der Geschichte. Besucher erreichen Qassiarsuk nach einem zweitägigen Fußmarsch von Narsarsuaq aus. Schneller geht es über das Wasser: Die Bootsfahrt dauert rund 20 Minuten.

Transportmittel Schiff. Mit dem Boot oder Schiff zu fahren, ist die einfachste Art, sich in Grönland fortzubewegen. Zwar steuern auch Flugzeuge zahlreiche Siedlungen an, doch viele Verbindungswege führen oft nur über das Meer. Besucher, die zum Wandern oder Eisberge-Gucken kommen und in den wenigen Hotels der Insel übernachten, nutzen häufig den Liniendienst der Arctic Umiaq Line.

Viele geben jedoch einer Kreuzfahrt den Vorzug. Das hat zwar den Nachteil eines eng gestrickten Zeitplans während der Aufenthalte an Land. Das große Plus ist aber: Vor allem Kreuzfahrtschiffe mit Expeditionscharakter können ihre Passagiere in abgelegene Winkel bringen, zu denen sie alleine nicht gelangen. Und nicht zu vergessen: die Tiere. Häufig tauchen Finn-, Buckel- und Schwertwale neben den Schiffen auf. Und auf Eisschollen liegen Robben. Eisbären aber sehen auch Schiffspassagiere meist nicht. Sie leben im Norden und Nordosten und damit in Regionen, in die es wegen ihrer Unzugänglichkeit kaum einen Besucher verschlägt. Touristen reisen vielleicht noch nach Ittoqqortoormiit, in die entlegenste Kommune Grönlands, die selbst im Sommer wegen eines Eisgürtels von Schiffen oft nicht angelaufen werden kann – nach ihrem Besuch im 800 Kilometer entfernten »Nachbarort« Tasiilaq, wo Großmutter und Enkelin den Trommeltanz zeigen.

Petra Hirschel

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