Die Magie des Lichts
Vom 16.01.2012: Von: Petra HirschelSchwedisch-Lappland ist vor allem ein Ziel für Aktiv-Urlauber. Neue Produkte sollen den Norden für ein breiteres Publikum attraktiv machen.
Matti Berg sitzt auf Óttar auf und lenkt das Pferd an die Spitze der kleinen Gruppe. »Ich befürchte, wir haben heute kein Glück«, sagt er. Dennoch gibt er Óttar die Sporen und reitet in den Wald hinein – gefolgt von fünf Urlaubern auf Island-Pferden. Es ist elf Uhr, und die Sonne lugt kaum über den Horizont. Die Tiere trotten im Dämmerlicht durch eine mit Schnee überzuckerte, einsame Landschaft. Kein Haus, kein Mensch weit und breit. Aber auch keine Spur von Elchen. »Sie sind offenbar noch in den Bergen«, mutmaßt Matti.
Jeden Winter reitet der Schwede mit Gästen durch die Wälder rund um seinen Hof. Dass sie dabei Elche sehen, ist nicht ungewöhnlich. Sehr kalt und dick verschneit muss es allerdings sein. Denn erst dann bringt die Futtersuche die Tiere in die tiefer gelegenen Täler und damit in die Nähe der Koppeln von Ofelas – so heißt das kleine Unternehmen, das Matti Berg westlich von Kiruna betreibt. Der Anbieter von Reittouren in Schwedisch-Lappland ist Same und gehört zu denjenigen, die den Tourismus als Chance für die im Norden Skandinaviens lebende Volksgruppe begreifen. »Er kann uns dabei helfen, unsere Kultur und Natur zu bewahren«, glaubt er.
Nachhaltigkeit als Ziel.
Schwedisch-Lappland ist keineswegs touristisches Niemandsland. Die dünn besiedelte Region am nördlichen Polarkreis registrierte beispielsweise 2010 rund 2,3 Millionen Übernachtungen. In der Mehrheit verbrachten Schweden hier ihren Urlaub, zwei Drittel der Übernachtungen gingen auf ihr Konto. Die Deutschen waren mit 3,3 Prozent dabei.
Die Samen wandten sich bislang eher selten mit touristischen Produkten an die Besucher. Nun aber gibt es Bemühungen, das zu ändern. »Wir wollen gemeinsam mit den Samen einen nachhaltigen Tourismus aufbauen«, sagt Helene Berg, Chefin von Visit Sweden in Hamburg. Die Beteiligten denken dabei an langfristige Projekte, die den Lebensstil des als Rentierzüchter bekannten Volkes vermitteln. »Insbesondere die Deutschen sind an Kultur sehr interessiert«, weiß die Schweden-Werberin. Neue Produkte stießen daher bei ihnen sicher auf Resonanz. Und Matti Berg hofft: »Kommen dann mehr Besucher, wird vielleicht nicht alles dem Bergbau geopfert.«
Eine Stadt zieht um.
Eisenerz bestimmt das Leben in Lappland. Kiruna, die nördlichste Stadt Schwedens, verdankt ihre Existenz dem Erzabbau. Das Untertage-Bergwerk ist das größte der Welt und nicht nur für Fachleute ein Ziel: Die Miene organisiert das ganze Jahr über Führungen für Besucher.
Darüber hinaus hat Kiruna selbst nicht viel zu bieten. Ihre Gäste dürfte es daher wenig berühren, dass die heutige Stadt in den nächsten Jahren allmählich verschwindet. Die Erz-Metropole zieht ein paar Kilometer weiter nach Osten, um die unter ihr liegenden Vorkommen abbauen zu können.
Kirunas kleiner Flughafen ist von dem Projekt nicht betroffen. Urlauber, die dort landen, nutzen die Stadt meist als Ausgangspunkt für Touren in die Region. In der jetzigen Jahreszeit heißt das vor allem: Sie steuern das Eishotel an. Die ungewöhnliche Unterkunft entsteht jeden Winter aufs Neue unweit von Kiruna. Sobald das Thermometer Minusgrade anzeigt, kreieren Architekten und Künstler aus Eisblöcken, die im Frühjahr im benachbarten Fluss gestochen werden und den Sommer über in einem riesigen Kühlhaus lagern, einen Bau mit rund 50 Zimmern und Suiten.
Die Gäste schlafen dick eingepackt bei minus fünf Grad – der Reiz ist das Außergewöhnliche. In Großbritannien ist das Hotel so populär, dass nur deshalb Charterflüge nach Kiruna aufgelegt werden. Länger als eine Nacht zu bleiben, raten die Betreiber aber auch den Briten nicht. Denn trotz aller Faszination: Kälte, Gemeinschaftsbäder und der Weckruf um halb acht lassen die Gäste die eisigen Räume dann doch gerne gegen beheizte Zimmer eintauschen.
Die Tage sind kurz, wenn im Eishotel Hochsaison ist. Doch ein Schauspiel am Himmel entschädigt für die langen, dunklen Winternächte: Das Nordlicht zeigt sich bei schönem Wetter über Lappland. Die größte Chance, die Leuchterscheinung zu erleben, haben Besucher des Abisko-Nationalparks. »Wer drei Tage bleibt, sieht Aurora Borealis auf alle Fälle«, weiß Johanna Sandström, die in dem 100 Kilometer nordwestlich von Kiruna gelegenen Park für den schwedischen Touristenverband STF als Gruppenmanagerin arbeitet. Die sehr klare Luft und der fast immer wolkenlose Himmel haben der Bergwelt von Abisko den Ruf eingebracht, weltweit der beste Ort für Nordlicht-Gucker zu sein. Dass man daraus Kapital schlagen könnte, war lange niemanden bewusst. Die STF-Herberge etwa schloss während der ganz dunklen Monate. Und der Sessellift, der seit 1966 Wanderer und Skifahrer auf den 1.169 Meter hohen Nuolja bringt, stand still. Erst 2007 lief der Lift auch hin und wieder im Dezember und Januar, und die Bergstation auf dem Gipfel mutierte wegen der Aussicht zum Beobachtungsposten, sprich zur Aurora Sky Station. Der nächtliche Ausflug lockt nun ein Publikum an, das zuvor nicht an einen Besuch des Nationalparks in der Nähe der norwegischen Grenze dachte. Vergangenen Winter kamen allein 2.000 Besucher nur wegen Aurora Borealis. »Das Polarlicht ist ein neuer Umsatzbringer«, stellt auch Sabine Gerhard, Bereichsleiterin Europa bei Dertour, fest.
2.000 Kilometer Wanderwege.
Noch zieht Nordschweden in erster Linie Besucher an, die aktiv sein wollen. Im Winter sind das Skifahrer oder Urlauber, die mit dem Schneemobil, in Schneeschuhen oder auf Pferden die Natur erkunden. Deutsche buchen gerne Husky-Touren. »Fahrten mit Hundeschlitten sind bei uns das Bausteinprodukt Nummer eins«, verrät Gerhard.
Der Schnee verschwindet in der polaren Region nie ganz. Auch im kurzen Sommer bleiben viele Gipfel weiß. Sie liegen oberhalb der Baumgrenze, während ansonsten Kiefern und Birken die weite, wasserreiche Landschaft prägen. Wanderer, die hier unterwegs sind, setzen den Fuß in eine menschenleere Natur – müssen sich aber mit zahllosen Stechmücken herumschlagen.
Rund 2.000 Kilometer gekennzeichnete Wanderpfade durchziehen Schwedisch-Lappland. Darunter befindet sich der bekannteste Weg des Landes. Im Abisko-Nationalpark beginnt der Kungsleden, auf Deutsch: Königspfad. Er verläuft durch die Gebirgswelt rund 430 Kilometer bis Hemavan nach Süden. Dabei passiert er den Rand des Sarek-Nationalparks, der weitgehend unerschlossen ist und daher von vielen als letzte Wildnis Europas bezeichnet wird.
Internationale Gäste verbringen selten ihren kompletten Urlaub auf dem Kungsleden. Oft reisen sie nicht nur durch Schweden, sondern besuchen auch den norwegischen und finnischen Teil Lapplands. Gemeinden und Veranstalter aus den drei Ländern schlossen sich daher zur »Region Arctica« zusammen. Das dreijährige Projekt – es endete 2011 – förderte die grenzüberschreitende Kooperation. Eine weitere Initiative geht von den Samen aus. Schwedische Rentierzüchter wollen unter dem Titel »Sapmi Experience« mit Angehörigen der Volksgruppe aus Norwegen, Finnland und Russland den Tourismus weiterentwickeln.
Eine ganz andere Art der Grenzüberschreitung ist derzeit in Kiruna Thema. In der Stadt sollen künftig Weltraumflüge starten. Virgin-Galactic-Gründer Richard Branson will sie für Touristenausflüge ins All nutzen.
Tipps
Die Aurora Sky Station befindet sich auf dem Nuolja (1.169 Meter) im Abisko-Nationalpark. Die Wahrscheinlichkeit, von der Berghütte aus das Nordlicht zu sehen, ist relativ groß. Ein Sessellift bringt die Besucher nach oben – höchstens 100 Personen jede Nacht und nie mehr als 40 Personen gleichzeitig. Eine Reservierung wird empfohlen.
www.auroraskystation.se
Bei Kiruna entsteht jeden Winter ein Eishotel mit rund 50 Zimmern und Suiten. Letztere werden von Künstlern gestaltet und etwa mit einem Eisboot als Bett ausgestattet (Foto unten).
www.icehotel.com


