Farbenfrohes Naturziel
Vom 19.12.2008: Von: Geraldine FriedrichMit mehr als 10.000 Pflanzenarten und alleine 205 verschiedenen Säugetieren gehört Costa Rica zu den artenreichsten Ländern der Welt.
Es regnet und regnet und regnet. Fast scheint es so, als schütte der costaricanische Himmel an diesem Nachmittag alles aus, um sieben Deutsche von ihrem bevorstehenden Wagnis abzuhalten. Zunächst erscheint alles harmlos: Bei leichtem Tröpfeln erklimmt eine Gruppe Mitdreißiger im Regenwald bei La Fortuna etwa 20 Minuten lang in flottem Tempo eine Treppenstufe nach der anderen, um an Höhe zu gewinnen. Oben angekommen, fängt es an zu prasseln. Egal – ausgerüstet mit Klettergurt, Helm und Handschuhen flitzt jeder einzeln, eingehängt an Rollen auf einem Drahtseil, bis zu einem halben Kilometer weit von einem Baum zum nächsten, wohlgemerkt in 50 Metern Höhe. Als Start- und Landepunkt dient jeweils eine Plattform, die sich stets um einen kräftigen Baum windet. »Canopy« (Deutsch: Baumkronendach) nennt sich diese Freizeitattraktion. Mittlerweile gehört sie in der »Schweiz Mittelamerikas«, wie Costa Rica als reichstes Land der Region genannt wird, zum touristischen Standard. Ursprünglich erfand ein Wissenschaftler diese Fortbewegungsmethode, um Flora und Fauna in den Wipfeln des Regenwalds zu erkunden. Wie sonst sollen Menschen an Brüllaffen, Faultiere und die 850 verschiedenen Vogelarten in luftiger Höhe herankommen?
Doch angesichts des Tempos bleibt wenig Gelegenheit, um etwa den Morpho, einen blauen oder weißen Schmetterling mit 15 Zentimeter Spannweite, zu entdecken oder einen Blick auf den berühmten Quetzal, einen Vogel, zu erhaschen. Zugegeben: Wer Freude an Europapark-Besuchen hat, dem wird auch das Fortbewegen à la Tarzan Spaß bringen. Zusätzliche Hormonausschüttungen verursachen nicht nur wackelige Gitterroste, die als Start- und Landefläche dienen und den Blick ins Grüne nach unten freigeben, sondern auch die Preise für eine Canopy-Tour: Bis zu 50 US-Dollar kostet die Teilnahme.
Wer mehr an Flora und Fauna als an Adrenalinschüben interessiert ist, sollte die ruhigere und preisgünstigere Variante wählen: Empfehlenswert für Naturliebhaber sind die »Arenal Hanging Bridges La Fortuna«. 20 US-Dollar zahlen Urlauber, um auf Hängebrücken geruhsam, am besten mit einem Führer, sämtliche Vegetationszonen des Regenwalds zu erkunden. Das hat nicht nur den Vorteil, dass man plötzlich bei einer auf einem Baumstamm zusammengekringelten gelben Greifschwanz-Lanzenotter die charakteristischen Hornschuppen oberhalb der Augen studieren kann, grüne Frösche auf grünen Blättern erkennt, ganze Ameisenstraßen aus der Nähe erblickt oder die Wurzeln der Wanderpalme bestaunt. Die Hängebrücken schonen auch die Natur. Kritische Stimmen bewerten das Tarzangekreische der Gringos beim Canopy als störend für die Tiere. Zudem sollen einige der Canopy-Anlagen die Baumstämme schädigen.
Die Stadt La Fortuna liegt im Nordwesten des Landes, am Fuße des 1.633 Meter hohen Arenal, einem Vulkan mit insgesamt vier Kratern, der zu den zehn aktivsten der Welt zählt. Nachts lassen sich mit etwas Glück die orangeglühenden Lavaströme beobachten, tagsüber verhüllt sich der Bilderbuchvulkan gerne in Wolken und Rauch. Das kann sich aber innerhalb von Sekunden ändern. Reisende, die auf ein Foto des kegelförmigen Arenal lauern, müssen die Momente abpassen, in denen sich das Wahrzeichen in voller Pracht zeigt.
Der Arenal und die umliegenden heißen Quellen bescherten der Region ständig wachsende Touristenströme und damit Wohlstand. La Fortuna heißt übersetzt »Das Glück«. Obwohl der Vulkan direkt an die Stadt grenzt und alle Jahre wieder ausbricht, blieb der Ort bislang verschont. Bei seinem letzten großen Ausbruch am 29. Juli 1968 begrub er die angrenzenden Dörfer Pueblo Nuevo, San Luís und Tabacón. »Vielleicht hat es etwas mit dem Namen zu tun, dass die Stadt nie zerstört wurde«, erklärt Paul Valenciano, Chef der Incoming-Agentur Mapache Tours.
Doch auf Glück allein verlässt sich die Stadt schon lange nicht mehr. Direkt um den Vulkan hat die Gemeinde in einem Umkreis von zwei Kilometern das Bauen verboten. Das betrifft jedoch nicht die 25 Hotels, die es dort schon vorher gab. Bekannt und berüchtigt für seinen einzigartigen Blick auf die Lavaströme ist das Tabacón Resort, denn es liegt genau auf der aktiven Seite des Arenal. Valenciano erzählt, dass ein Vulkanausbruch im Jahr 2006 Gesteinsbrocken bis auf wenige hundert Meter an die am Pool liegenden Hotelgästen heranschleuderte. »Über die Standorte der Hotels wird immer wieder heiß diskutiert«, weiß er. Gäbe es keine Bestimmungen, würden die Hoteliers im Wetteifer um den schönsten Blick auf den Arenal wohl immer näher an den Vulkan bauen und dabei die Sicherheit ihrer Gäste und ihres Personals auf Spiel setzen. Die erst 2007 errichtete Casa Luna Lodge, ein Hotel mit 24 Zimmern, bei dem die Eigentümer auf eine ökologische Bauweise achteten, liegt mit etwa 4,8 Kilometern weit genug entfernt. Allerdings ragt es nach den neuesten Bestimmungen 200 Meter in die mögliche Gefahrenzone.
Doch das Land hat weit mehr zu bieten als das gut erschlossene Gebiet um La Fortuna. Strände existieren für jeden Geschmack, Besucher können zwischen Pazifik und Karibik wählen. Neben dem klassischen Regenwald gibt es auch märchenhafte Nebelwälder. Sieben aktive Vulkane laden ein zum Besteigen und Wandern. Insgesamt gönnt sich Costa Rica 22 Nationalparks. Einer davon heißt Rincón de la Vieja und liegt in der Region Guacanaste. Hier lässt sich Vulkanismus aus nächster Nähe erleben. Auf einem gut ausgeschilderten Pfad hören, sehen und riechen Besucher die vor sich hin blubbernden, grauen Schlammquellen. Der Schwefel ist aggressiv, bei zwei Mitstreitern lösen sich die Gummisohlen von den Wanderschuhen ab. Typisch für den geologisch jüngsten Teil des Landes sind die eisenhaltige, nährstoffarme rote Erde und das knallgrüne Gras, welches fast schon künstlich aussieht. Der Name Guacanaste rührt von dem gleichnamigen Laubbaum mit ausladender Krone und feingliedrigen Blättern. Von weitem erinnert er übrigens an einen riesigen Schirm – kein Wunder, dass er das Wahrzeichen Costa Ricas ist.
Costa Rica kompakt:
Costa Rica liegt zwischen Nicaragua und Panama sowie zwischen Karibik und Pazifik. In dem Land leben 4,2 Millionen Menschen, Amtssprache ist Spanisch.
Als ideale Reisezeit gelten die Monate zwischen November und April. Es ist Trockenzeit und daher Hochsaison. In der vergangenen Wintersaison registrierte das Costa Rica rund 846.000 Besucher.
Informationen des Fremdenverkehrsamts unter www.visitcostarica.com
Mehr über die hängenden Brücken und Canopy-Touren unter www.arenal.net/tour
Literatur: »Costa Rica/ Süd Nicaragua«, Stefan Loose, 2008, 22,95 Euro; »Lonely Planet Costa Rica« (deutsche Ausgabe), Mairdumont, 2007, 24,95 Euro.
Veranstalter: ASI Aventoura, Collibri Reisen, Dertour, Diamir Erlebnisreisen, Dr. Tigges, FTI, Gebeco, Hauser Exkursionen, Ikarus Tours, Jahn Reisen, Leguan Reisen, Marco Polo Reisen, Meier‘s Weltreisen, Miller Reisen, Neckermann, Renatour, Studiosus, Thomas Cook Reisen, Trails, Travel to Nature, TUI, Windrose, Wikinger Reisen u.a.


