Kultur auf Schritt und Tritt
Vom 11.02.2010: Von: Petra Hirschel, Fotos: Berno NixEine unglaubliche Dichte historischer Stätten macht Syrien zum Studienreiseziel schlechthin. Reisende erleben anschaulich ihren Geschichtsunterricht.
Und wieder ist die Überraschung groß. Die schmale Straße schlängelt sich in Serpentinen durch die Alawitenberge, rechts und links versperren Kiefern und immergrüne Eichen den Blick. Syrien – ist das nicht eines dieser kargen Länder im Nahen Osten? Doch statt durch steinige Landschaft rollt der Kleinbus an diesem Wintertag durch eine dicht bewaldete Bergwelt. Hätte Reiseleiter Jihad Hassan dem Fahrer nicht das Zeichen zum Halten gegeben, die Touristen hätten die Burgruine womöglich übersehen.
Auf dem gegenüberliegenden Bergrücken thront eine Festung der Kreuzritter (Foto). Sie ist nach Sultan Saladin benannt, dem mächtigen muslimischen Herrscher des Mittelalters, der die Burg im Nordwesten des Landes den europäischen Christen abrang und dem Lessing in »Nathan der Weise« ein literarisches Denkmal setzte. Und sie zeigt den Besuchern erneut: Wer durch Syrien reist, taucht nicht nur in die Geschichte des Morgenlandes ein, sondern folgt auch den Spuren der eigenen Kultur.
Ein paar Tage zuvor in Damaskus. Kirchenglocken holen die Gäste des Dar Al-Yasmin aus dem Schlaf. Der zu einem Hotel umgebaute orientalische Stadtpalast liegt in Bab Touma, dem christlichen Viertel der Altstadt. Treten die Besucher vor die Tür und wenden sich in die Gasse, in der kleine Handwerksbetriebe die Damaszener Kästchen (Foto), jene Holzschachteln mit Intarsien, herstellen, kommen sie unwillkürlich zur Ananias-Kapelle. Im heutigen Untergeschoss des Hauses soll Paulus zum Christentum bekehrt worden sein.
Schlagen die Urlauber aber den Weg in die entgegengesetzte Richtung ein und schlendern an Bäckereien, Gemüsehändlern und Stoffläden vorbei, gelangen sie kurz darauf zur Omaijadenmoschee. Der prachtvolle Bau war erst römischer Tempel und dann Kirche, bevor er sich in ein muslimisches Gotteshaus verwandelte. Im Innenhof rutschen Kinder auf Strümpfen über den glatten Steinfußboden und spielen Fangen. Frauen und Männer sitzen schwatzend auf Treppenstufen. Andere stehen im Gebetsraum vor einem Marmor-Schrein. Der Kopf von Johannes dem Täufer, so heißt es, liegt darin.
Einen Tag später, als sich Damaskus und seine authentische Altstadt schon fast 300 Kilometer südlich der Reisenden befinden, hält der Kleinbus auf einer einsamen Hochebene. Hierhin, wo in der Antike die Stadt Apameia blühte, verschlägt es fast nur noch Touristen – und denen verschlägt es die Sprache. Eine zwei Kilometer lange und fast 40 Meter breite römische Säulenstraße zieht sich durch das Ruinengelände. Längst stehen nicht mehr alle Säulen. Es sind jedoch noch genügend, um die einstige Dimension zu erahnen.
Staunend betrachten die Urlauber den Krak de Chevalier östlich der Industriestadt Homs. Die gewaltige Kreuzritterburg mit ihren dicken Mauern aus weißem Sandstein ist – abgesehen von der Inneneinrichtung – komplett erhalten. Bei klarem Wetter reicht die Sicht bis ans Mittelmeer, fast bis Tartus, wo die Gruppe wieder eine andere Epoche betreten wird. Am Rand der mediterranen Hafenstadt zeugen Grabtürme aus dem vierten Jahrhundert vor Christus von der einstigen Anwesenheit der Phönizier. Ein Stück weiter nördlich an der Küste geht es noch ein paar Jahre zurück: Ugarit bei Latakia gilt als eine der wichtigsten Ausgrabungsstätten Syriens. Schon vor 9.000 Jahren war die Region besiedelt. In der Handelsstadt entstand im 14. Jahrhundert vor Christus der Urahn unseres heutigen Alphabets, eine Keilschrift aus 30 Zeichen. Die kleinen Tontafeln mit den Buchstaben werden im Nationalmuseum in Damaskus ausgestellt, das aufgrund seiner außergewöhnlichen Sammlung zu den bedeutendsten Museen der Menschheitsgeschichte gehört. Auch Funde aus Palmyra sind dort zu sehen.
Mitten in der Wüste, fern der lieblichen Küste und der grünen Berge im Norden, liegt Palmyra. Scharen von Japanern sehen sich den monumentalen Baal-Tempel, das Theater und die Säulenstraßen an. Keine andere Sehenswürdigkeit des Landes übt auf die Asiaten solch eine Faszination aus wie die einstige Metropole der Antike. Das weitläufige Ruinengelände erinnert an eine Stadt, die durch ihre strategisch günstige Lage – der kürzeste Weg vom Mittelmeer nach Mesopotamien, dem jetzigen Irak, und weiter bis nach China führte über Palmyra – in der Römerzeit zu enormem Reichtum gelangte und später in Vergessenheit geriet. Japanische Archäologen graben heute auf dem weitläufigen Areal, so dass die Stadt vielen ihrer Landsleute ein Begriff ist. Weniger bekannt ist ihnen dagegen Qasr al-Hair ash-Sharki.
Nur ein Auto parkt neben dem Kleinbus, als dieser vor dem verlassenen Wüstenschloss hält. Kaum ein Schild hat den Weg von Palmyra zu dem arabischen Palast gezeigt. Von dem Komplex in einer einst belebten Oase haben nur wenige Mauern und das Eingangtor mit seinen wuchtigen Türmen bis in die Neuzeit überdauert.
Vielleicht herrschte damals so viel Trubel wie heute im Souk von Aleppo. Ein Gewirr aus Gassen durchzieht die Altstadt am Fuße der mittelalterliche Zitadelle, die sich auf einem Hügel mitten in der nordsyrischen Metropole erhebt. Verkäufer preisen in dem überdachten Markt ihre Waren an. Und zur Überraschung der Reisenden: Niemand zieht sie am Ärmel und drängt ihnen Gewürze oder die bekannte Alepposeife auf.
Wieder gefragt:
Syrien gehört zum Programm jedes Studienreiseveranstalters und erfreut sich derzeit wieder großen Interesses – nach Jahren des Auf und Ab. Die Anschläge auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 brachten den Tourismus fast völlig zum Erliegen. Das muslimische Land war politisch umstritten, zudem ordneten die USA Syrien den sogenannten Schurkenstaaten zu. 2007 zeigte etwa Reiseleiter Jihad Hassan – er arbeitet für die Studiosus-Incomingagentur Syriana – lediglich zwei kleinen Gruppen seine Heimat.
Im Jahr darauf zeichnete sich dann eine Kehrtwende ab. »Syriens Image wandelte sich etwas«, weiß Studiosus-Manager Manfred Schreiber. Doch das Hoch währte nicht lange. Der weitgehende Wegfall der staatlichen Subventionen für Treibstoff ließ die Preise in allen Lebensbereichen in die Höhe schnellen. Urlauber mussten im vergangenen Jahr, so Schreiber, für eine Reise rund 20 Prozent mehr ausgeben als noch 2008. Übernachtungen kosteten zum Teil das Vierfache. Die Preise für dieses Jahr sanken wieder leicht – und die Nachfrage zieht bei den Studienreiseveranstaltern prompt an. So sind zum Beispiel alle vier Termine der kurzfristig im Studiosus-Kultimer beworbenen Tour nach Syrien und in den Libanon bereits ausgebucht.
Viele Reisen enden nicht an der Grenze. Die Veranstalter kombinieren Syrien häufig mit den Nachbarländern. Meist geht es noch nach Jordanien.
Studienreisen kompakt
Biblische Reisen: Zwei Syrien-Reisen, acht und zwölf Tage (mit Euphrat); zwei Länderkombinationen: 15 Tage Jordanien, Syrien und Libanon, elf Tage Nordsyrien (Euphrat) und Osttürkei (Tigris).
Dr. Tigges: Eine zehntägige Syrien-Reise; drei Länderkombinationen: 14 Tage Syrien und Türkei (auf den Spuren des Apostels Paulus), achttägige Städtereise Istanbul und Damaskus mit Schwerpunkt Musik, 18 Tage Syrien und Jordanien.
Helios Reisen: Neun Tage Syrien mit Tagesausflug in den Libanon (Baalbek), 16 Tage Syrien und Jordanien, Syrien-Reisebausteine.
Ikarus Tours: Achttägige Syrien-Reise, zwei Länderkombinationen: 15 Tage Syrien, Jordanien und Libanon, zwölf Tage Syrien und Jordanien.
Meier’s Weltreisen: Zehn Tage Syrien kulturell und kulinarisch, elf Tage Syrien und Jordanien.
Studiosus: Drei Syrien-Reisen: elftägige Studienreise, 15-tägige Klassik-Studienreise (inklusive Nordosten), 14-tägige Wanderstudienreise (zweistündige Touren); vier Kombinationen von Syrien und Jordanien, jeweils mit optionalem Ausflug in den Libanon (Baalbek), zwölf, 15, 17 und 21 Tage.


