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Mönch auf Zeit

Vom 09.12.2010: Von: Nicol Schmidt
Vom Tempel in die Shopping-Mall: Südkorea bietet Urlaubern ein absolutes Kontrastprogramm


108 Kniefälle für Buddha. Ohne Unter­brechung, alle gemeinsam im vorgegebe­nen Takt. Und dann auch noch morgens um vier, nach wenigen Stunden Nachtru­he auf dem blanken Boden.Die Touristen, gehüllt in mausgraue Kutten Größe XXL, starren schlaftrun­ken den Mönch an. Topfit und hellwach turnt er im Gästehaus des Haeinsa-Tem­pels herum. Sunim, wie er sich vorstellt, faltet die Hände vor dem Brustbein, wirft sich auf die Knie, drückt Stirn und Hände auf den Boden, führt die Hände mit der Innenfläche nach oben am Ohr vorbei, rollt sich wieder auf, kommt federnd zum Stehen, und von vorn das Ganze. Danach, lächelt der Mönch, seien alle Laster, Lei­denschaften und Begierden abgearbeitet und seine Gäste reif für die Meditation: eine Stunde lang im Lotossitz, mit gera­dem Rücken. Der Name Haeinsa bedeute nicht von ungefähr »Tempel des großen Meeres der Meditation«.



Was haben sie sich da bloß angetan? Doch es gibt kein Zurück mehr. Sie haben das »Temple Stay«-Programm ja freiwillig bei ihrer Rundreise nach Südkorea mitge­bucht. Einen Tag und eine Nacht mit den Mönchen beten, essen, singen, Tee trin­ken, Dienste verrichten in einem Kultur­erbe der Menschheit abseits der Welt, tief in den Bergen des südkoreanischen Natio­nalparks Gayasan.

Kulturschock. Größer könnte der Kontrast zu Seoul nicht sein. Dort waren die Westler vor einer Woche gelandet. In einer der größten Städte der Erde, mit über zehn Millionen Einwohnern, zehnspurigen Straßen, kühnsten Brücken, hochmoder­nen Wolkenkratzern und unzählbaren Wohnsilos, die wie zusammengewachsene geklonte Pilze aus dem Boden schießen. So war der erste Eindruck, und nichts anderes hatten sie erwartet. Einen undurchdringli­chen Moloch, aus dem man am besten ganz schnell wieder verschwindet. Aber sie brauchten nur von ihrem angenehmen Hotel im Viertel Itaewon aus vor die Tür zu gehen – und wie ein Sog riss die Stadt sie mit in ihren Strudel. Die geschäftige Ein­kaufsstraße voller kleiner Boutiquen, Sportgeschäfte, Läden mit Pelzen und »Maßanzügen in wenigen Stunden«, die Straßenverkäufer, die vollbesetzten Cafés, die gute Laune im »Seoul Pub«, wo jeder mit jedem plaudert. »Wir arbeiten hart und lang.

Doch wir feiern auch gerne und es macht uns Spaß, Leute zu treffen«, sagte Su-Jin Ha, eine junge Lehrerin. Ob die Touristen nicht mitkommen wollten in ein koreanisches Restaurant. Aber klar. Ob­wohl sie keine Silbe auf der Karte verstan­den. Die Bedienung hieß sie die Schuhe ausziehen, auf dem Boden vor einem nied­rigen Tisch Platz zu nehmen und brachte eine Tafel mit Fotos. Peinlich, aber prak­tisch. »Keine Sorge. Wir essen hier keine Hunde oder Affen. Meistens nur ein biss­chen schärfer als Sie, mit mehr Suppen«, sagte sie mit einem Grinsen und empfahl Bibibamp. Ein Gericht im Tontopf aus ge­dünstetem Reis, frischem Gemüse, hauch­dünn geschnittenen Rindfleischstreifen, Sesamöl, roter Chilipaste, reichlich Kräu­tern und einem Spiegelei. Dazu, wie zu je-dem Essen, mindestens ein Dutzend Schüsselchen mit Kimchi, eingelegtem Chinakohl, Seetang, Süßkartoffeln, Lotos­wurzeln, Krabben, Pilzen.


Kimchi für alle. Selbst bei den Mön­chen in der Tempelküche gibt es zu den Mahlzeiten Kimchi, allerdings nur zwei Sorten, dazu kalten Reis, eine dünne Sup­pe, kurz blanchiertes Gemüse und Tee, al­les ziemlich geschmacksneutral. Und selbstverständlich fleischlos. Schweigend setzen sich die Klosterbewohner an einen Tisch, die Touristen-Mönche sitzen schweigend daneben. Bloß nicht den Kopf neugierig herumschwenken, sondern ge­senkt halten. Kein Reiskorn darf übrig bleiben. Essen ist kostbar. Das haben sie beim Abendessen gelernt. Und die 108 Kniefälle mit nur ein klein wenig Schum­meln geschafft. Sunim ist zufrieden. Jetzt schreitet er hinter seinen Zöglingen auf und ab, richtet Rücken gerade, zieht Schul­tern zurück, zeigt, wie man den Fuß über den linken Oberschenkel bettet, ohne um­zufallen. Alle ächzen. Der Meister lächelt fein mit einem Blick, der in etwa sagt: Habt wohl gedacht, Mönchsein sei ein Zucker­schlecken und man braucht einfach bloß mal ein Stündchen dazusitzen – schon ist die Erleuchtung da? Nein, das geht nur mit eiser­ner Disziplin. Und deshalb ist das Klosterleben in Korea knallhart. Jetzt »eins« zählen und tief einatmen, bei »zwei« ausatmen, starr einen Punkt einen Meter vor sich auf dem Boden fi­xieren, die Augen schließen, sein Inneres be­trachten. Dann wird der Kopf schon irgendwann frei.

Winzige Gravuren. Die Gedanken schweifen wieder nach Seoul, verlieren sich zwischen den schicken Bürotürmen am Han-Fluss, den 24 Stunden geöffneten Shopping-Centern im Mode-Viertel Hayedung, wirbeln im schnellen Takt des Hyundai-Samsung-Dae­woo-Wirtschaftswunderlandes und beruhigen sich plötzlich wieder in der Stille alter königli­cher Paläste mitten in der Innenstadt. Die Ge­danken wandern über das geschwungene Dä­chermeer der Hanok-Siedlung Bukchon, wo junge Architekten konfuzianische Bauregeln sorgsam hegen und pflegen. Und schlendern durch das traditonelle Insadong, dem Lieb­lingsviertel aller Touristen, in dem selbst Star­bucks seinen Namen nur auf koranisch schreiben darf.

Es riecht nach Tee und Kräutern und gebratenem Hühnchen. Pinsel groß wie Besen baumeln in Kalligrafie-Spezialgeschäften von der Decke. Daneben reihen sich Kramläden, Antiquitätendepots und zeitgenössische Galerien. In einem winzigen Atelier sitzt Herr Kim mit dicker Lupe vor dem Auge und graviert in winziger Schrift Namen in Stempel. »7.000 waren wir mal in unserer Zunft, heute sind wir noch die Hälfte. Wer braucht schon noch Siegel«, sagt er und deutet nach draußen. Gegenüber an einem Süßigkeiten-Imbiss lachen sich Teenager kaputt über die rappenden Spaßmacher hinter der Theke. Synchron und weiß gekleidet verwandeln sie einen mehligen Honigklumpen in haarfeine weiße Fäden, schneiden sie bleistiftlang ab, wickeln ein Stück Walnuss hinein, verpacken es hübsch als Drachenbart. Alle kaufen.

Geschundene Knochen. Meister Sunim sind solche weltliche Begierden völlig gleichgültig. Und ob er nun in einem der weit über zehntausend unbedeutenden buddhistischen Tempel Dienst tut oder hier, im berühmtesten von Korea: »Das ist mit einerlei", sagt er achselzuckend, als die Meditationsrunde überstanden und Fragerunde ist. Erleuchtet fühlt sich - natürlich - keiner der Mönche auf Zeit. Es tun ihnen nur die Knochen weh. Der Meister gibt endlich das Zeichen zum Aufstehen. Im ersten Licht des Tages zeigt er ihnen sein Zuhause, führt sie vorbei an Einsiedeleien, bunt bemalten Tempel-Hallen, Schreinen, Pagoden und dem Glocken-Pavillon. Und dann führt sie Sunim zum Schatz des Tempels: In offenen Holz-Hallen lagern über 80.000 Druckplatten aus schwarzem Magnolienholz, beidseitig beschnitzt in chinesischer Schrift. Die umfassendeste Sammlung aller buddhistischer Texte. "200 Mönche haben 16 Jahre lang daran gearbeitet. Ohne auch nur einen einzigen Satzfehler zu machen. Und alle in exakt demselben Stil. Welche Disziplin, welche Geschicklichkeit«, sagt Sunim, verbeugt sich und fragt nach der Uhrzeit. Neun Uhr. Er müsse sich jetzt zurückziehen, bevor der Tempel geöffnet wird.

Die Westler tauschen ihre Kutten wieder gegen ihre Straßenkleidung. Sie fühlen sich irgendwie erleichtert. Und als die ersten Touristenbusse anrollen, auch sehr froh. Diese intime Begegnung mit den Mönchen werden sie nie vergessen. Schon bei der Weiterreise ist das so. In Gyongju, dem alten Reich des Silla-Clans, wo in einer Grotte ein formvollendeter meterhoher Buddha aus Granit ruht. Beim Abendessen auf dem Fischmarkt. Oder in Seoraksan, Südkoreas schönstem Nationalpark mit seinen zerklüfteten Felsen und der wilden Natur. Sie werden Hunderte von Stufen am Rande eines Wasserfalls erklimmen. Und je weiter sie kommen, desto weniger Menschen werden sie treffen. Ganz oben, wo sich der Wasserfall die Felsen hinabstürzt, wird ein Mönch sitzen. Und sie werden sich vor ihm verbeugen, wie sie es gelernt haben. Und sich gleichzeitig auf ein Bier im »very british« Kensington-Hotel freuen.

 

 

 

Südkorea kompakt

 

Reisezeit: Korea hat vier Jahreszeiten, sehr ähnlich den unseren. Im Sommer kann es, wenn der Monsun einsetzt, sehr schwül sein. Als beste Reisezeit gelten die Monate Mai, September und Oktober

Lage: Halbinsel vor dem chinesischen Festland. 70 Prozent der Fläche ist Bergland. Nachbarn sind China im Westen und Japan im Osten. Vom kommunistischen Nordkorea durch eine 248 Kilometer lange und vier Kilometer breite demilitarisierte Zone getrennt.

Währung: Ein Euro sind rund 1.500 Win, der Umtausch in Wechselstuben ist preiswerter als in Hotels.

Veranstalter (eine Auswahl): Gebecco, Studiosus, Meier's. TUI. Dertour, FTI, Tischler Reisen, Ikarus Tours

Infos: Koreanische Zentrale für Tourismus (KTO), Baseler Straße 35, 60329 Frankfurt am Main. T. 069/ 2 33 26., www.visitkorea.or.kr

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