Yosemite: Steiniges Naturwunder
Vom 12.02.2009: Von: Petra HirschelDie spektakuläre Landschaft hat den Yosemite zu einem der beliebtesten Nationalparks der USA gemacht. Rund 3,5 Millionen Besucher lockt die kalifornische Bergwelt jährlich an.
Die Umstehenden trauen ihren Augen nicht: Bei laufendem Motor reißen zwei Frauen die Türen des Autos auf, das sie knapp vor der Brüstung des Aussichtspunkts gestoppt haben, drücken auf die Auslöser ihrer Kameras und sind wenige Sekunden später verschwunden. Die Zurückbleibenden sehen ihnen entgeistert nach, beugen sich dann aber wieder über die Fotoapparate. Schon vor Stunden haben sie ihre Stative aufgestellt, um im richtigen Licht die Landschaft einzufangen, die Ansel Adams auf seinen berühmten Fotos festhielt: das Yosemite Valley.
Es ist der erste Blick auf das Tal. Viele Kilometer schlängelt sich die Straße durch dichten Wald, bis sich am »Tunnel View« ein atemberaubendes Panorama öffnet: eine bewaldete, grüne Ebene, eingekeilt zwischen hellgrauen, fast 1.000 Meter hohen, senkrecht aufsteigenden Granitriesen, von denen Wasserfälle hunderte von Metern in die Tiefe stürzen. Jeder will dies wie der gefeierte Fotograf Adams ablichten. Heute allerdings wird nichts daraus. Die Sonne versteckt sich hinter einem einheitlich grauen Himmel. Doch auch ohne brillantes Foto: Die Aussicht lässt die meisten länger verweilen.
Das Tal ist das Herz des bekanntesten Nationalparks Kaliforniens. Der Yosemite (ausgesprochen: Jo-sä-mi-ti) empfängt jährlich rund 3,5 Millionen Besucher, und die Mehrheit steuert das zirka zwölf Kilometer lange Yosemite Valley an. Nur eine Straße führt hier hinein. Sie dient gleichzeitig als Ein- und Ausgang. Denn hohe Berge verschließen den Weg nach Osten. Lediglich Wanderer überwinden von hier aus die Dreitausender der Sierra Nevada, an deren westlichen Hängen der Nationalpark sich auf einer Fläche von 3.000 Quadratkilometern ausdehnt.
Im Westen des Tals, am Eingang sozusagen, treffen sich drei Straßen: Sie bringen Urlauber von San Francisco und Los Angeles in den Yosemite. Und wer von der anderen Seite der Gebirgskette kommt – vom Mono Lake oder vom Death Valley etwa –, nutzt die nördlich vom Yosemite Valley verlaufende Tioga Road. Sie stellt den kürzesten Weg über die Sierra Nevada dar. Doch bricht der Winter ein, ist sie wegen der Schneemassen gesperrt, manchmal schon im Oktober und meist bis Ende Mai. Statt einer zweistündigen Überquerung erwartet Reisende dann eine doppelt oder gar dreimal so lange Fahrt über eine der Gebirgsstraßen weiter im Norden – je nachdem, welcher Pass frei von Schnee ist.
Im Yosemite Valley angekommen lassen die meisten ihr Fahrzeug stehen. Ein Shuttlebus verkehrt auf der Ringstraße und hält in kurzen Abständen. Überhaupt ist im Tal alles gut organisiert. Trotz der unberührten Natur – das Yosemite Valley gleicht einem großen Ferienresort. Es gibt Geschäfte, eine Post und eine kleine Klinik sowie Museen. Und natürlich etliche Unterkünfte: Als nobelste Adresse gilt das Ahwahnee. Das historische Hotel mit seinen 99 Zimmern und 24 Hütten gleicht einem kleinen Schloss. Weniger feudal, dafür aber preiswerter, nächtigen Besucher in den 245 Zimmern der Yosemite Lodge, den 266 Hütten des Housekeeping Camps und den 394 eingerichteten Zelten des Curry Village sowie auf den Zelt- und Wohnmobilplätzen mit 464 Einheiten. Gemeinsam haben die Unterkünfte eines: Sie sind schnell ausgebucht. Wer in den Sommermonaten ohne Reservierung in das Yosemite Valley reist, hat schlechte Karten. Selbst die Campingplätze sind über Wochen hinweg vergeben. Und an den Wochenenden, wenn die Kalifornier ihr Naherholungsgebiet aufsuchen, wird es besonders eng. Für Reisebüros, die Selbstfahrer als Kunden haben, lohnt sich daher ein Blick in die Kataloge. Einige Veranstalter haben neben Hotels in den Nähe der Parkeingänge auch Unterkünfte im Tal im Programm. Canusa beispielsweise bietet das Ahwahnee an, Dertour die Yosemite Lodge.
Die große Mehrheit der Parkbesucher stammt aus Kalifornien. Während Gäste aus dem Ausland in erster Linie von der spektakulären Landschaft angezogen werden, lockt Einheimische vor allem der hohe Freizeitwert. Sie radeln durch das Tal, an Wiesen und Mammutbäumen vorbei, und paddeln auf dem wild-romantischen Merced River. Kletterer hängen an der rund 1.000 Meter hohen Felswand des El Capitain. Ein Gletscher formte einst diesen imposanten Monolith – wie auch die anderen Berge im Tal. Die ungewöhnlichste Spur hinterließ er am Half Dome. Seine charakteristische Halbkugel machte den 2.693 Meter hohen Berg zum Wahrzeichen des Yosemite Valleys. Geübte Wanderer erklimmen den Half Dome nach einer gut fünfstündigen Tour. Sie nähern sich dem Fels von hinten und legen die letzten 120 Höhenmeter mit der Hilfe von Stahlseilen zurück. Es geht fast senkrecht über den Stein.
Die meisten Besucher unternehmen diese anstrengende Wanderung jedoch nicht. Sie stoppen zuvor beim Vernal Fall. Der Wasserfall kippt über eine breite Stufe und stürzt 100 Meter in die Tiefe. Tropfen hängen in der Luft, so dass Kleidung und Haare feucht werden. Nicht ohne Grund heißt der Weg entlang des Merced River zum Wasserfall Mist Trail, also Sprühregen-Pfad. Die rund anderthalbstündige Tour bis hoch zum Vernal Fall ist relativ einfach, der Andrang daher sehr groß.
Auch vor den Yosemite Falls drängen sich die Touristen. Der längste Wasserfall Nordamerikas schießt über eine Felskante in drei Stufen 800 Meter hinunter ins Tal. Viele Besucher bestaunen die Wassermassen nur von unten, etliche wandern aber auch zum Ausgangspunkt des Spektakels. Der Weg windet sich in Serpentinen auf rund 3.300 Meter Höhe. Ein Stativ baut am Rand des Abgrunds niemand auf. Doch sind viele Kameras auf den rauschenden Wasserfall gerichtet. Und natürlich auf das Tal: Der Blick auf die Bergwelt der Sierra Nevada ist von hier oben aus spektakulär. Das Yosemite Valley liegt seinen Gästen zu Füßen. Petra Hirschel/ Foto: stockXpert


