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Höhlenforschung in Tunesien

Vom 05.05.2009: Von: Petra Hirschel
Die Speicherburgen im Südosten Tunesiens sind vor allem ein Ziel für Tagesausflügler. Doch in den einstigen Lagerräumen entstehen nun Unterkünfte.


Miriam verzieht keine Miene. Sie kennt das Prozedere: Fast jeder Tourist, der die Serpentinen zum Dorf hochgeht, schaut irgendwann auch bei ihr vorbei. Der Besucher macht dann etliche Fotos von der alten Dame, sieht sich erstaunt-neugierig in ihrer kleinen Wohnung um und drückt ihr ein paar Münzen in die Hand.

Die Berberfrau gilt in Chénini als eine Art Attraktion. Nicht nur, weil sie die 90 Jahre weit überschritten hat oder sie sich im Gegensatz zu den meisten Einwohnern des Ortes fotografieren lässt. Miriam zeigt Fremden auch ihr Zuhause: das in den Berg hineinragende, fensterlose, spartanische Schlafzimmer, den Webstuhl und die einfache Küche, den von Mauern umgebenen Innenhof. Besucher können sich spätestens dann vorstellen, wie die Bevölkerung im Südosten Tunesien einst gelebt hat – und Miriam es noch heute tut.

Chénini liegt auf einem Hügel im Dahar-Gebirge, am Rande der Sahara. Berber gründeten im zwölften Jahrhundert das Bergdorf unweit von Tataouine, genauer gesagt: die Speicherburg. Die Halbnomaden gruben Höhlen in den Hang, um dort ihre Vorräte zu lagern. Die Räume dienten aber auch als Wohnungen. Erst in den 1980er Jahre zogen die meisten Einwohner nach Neu-Chénini um.

»Wer bleibt, schätzt das gute Klima in den Höhlen«, erklärt Lofti Nessaoüi, der Besuchergruppen durch den Ort führt. Im Sommer, wenn das Thermometer schnell auf 45 Grad Celsius klettert, ist es in den Kavernen stets angenehm kühl. Im Winter schützen sie vor Kälte.

Auf dem Parkplatz am Fuße des Berges spucken Busse immer wieder neue Besucher aus. Die meisten verbringen den Urlaub auf Djerba und kommen im Rahmen eines Tagesausflugs nach Chénini (die Fahrtzeit beträgt etwa zweieinhalb Stunden). Der Ksar – so nennen die Tunesier eine Speicherburg – zählt zu den bekanntesten und schönsten der Region. Im Dahar-Gebirge thronen auf Bergkuppen rund 150 dieser Gemeinschaftsspeicher. Viele sind allerdings verfallen. Denn nicht überall werden, wie derzeit in Chénini, Höhlen restauriert, Wege und Mauern befestigt sowie Strom und Wasser verlegt.

Douiret, eine Speicherburg in der Nähe Chéninis, wirkt auf den ersten Blick wie eine Ruine. Und wäre da nicht Raouf Talbi, würden Besucher von der Anhöhe aus die Augen nur kurz über die karge, menschenleere Bergwelt schweifen lassen und bald wieder weiterfahren. So aber bleibt mancher sogar mehrere Tage: Der Berber hat in der Speicherburg, in der nur noch zwei Familien leben, eine Herberge eröffnet. Gemeinsam mit Angehörigen renovierte er zehn schmale Räume rund um einen Innenhof, so dass dort, wo früher Getreide lagerte, heute Urlauber nächtigen.

Gäste erwartet ein authentisches Erlebnis. Talbis Familie kocht für ihre Besucher und reitet mit ihnen auf Eseln durch die steinige Umgebung. Mit Luxus darf aber niemand rechnen: Die weiß gekalkten Zimmer sind geschmackvoll, aber einfach eingerichtet (die Matratzen liegen auf gemauerten Betten, einen Fernseher gibt es natürlich nicht), relativ klein und haben höchstens – durch die Bauweise bedingt – ein kleines Fenster.

Ouled Debbab ist anders. Der Ksar östlich von Douiret wurde erst im 19. Jahrhundert auf einem Plateau errichtet. Er gleicht nicht wie Chénini oder Douiret einer Festung mit Schutzfunktion. Auch liegen die Speicher nicht im Erdinnern. Statt dessen wurden unzählige Lagerräume zweistöckig, wie Waben, nebeneinander gebaut.

Seit Jahren befindet sich in dem Ksar ein Restaurant. Und ein Museum informiert Gäste über die Lebensweise der Berber, traditionelle Kleidung und Kunsthandwerk werden hier ausgestellt. Von diesem Sommer an können Besucher zudem auf dem Tafelberg übernachten. Der Speicher fungiert künftig als Vier-Sterne-Hotel. Die Zimmer – rund 200 sollen es am Ende der Renovierung sein – unterscheiden sich von den einfachen Höhlen der Herberge in Douiret. Sie sind zwar auch dem traditionelle Stil verschrieben, sind aber geräumig und verfügen jeweils über ein Bad. Auch gibt es Suiten mit eigenem Hammam.

Gäste zum Bleiben zu bewegen, wird für die Betreiber die Herausforderung sein. Bislang bringen nur Anbieter von Wanderreisen ihre Kunden für ein paar Tage in die Region. Miriam dürfte es egal sein, wie lange Besucher sich letztendlich im Dahar-Gebirge aufhalten. Ihre Tür steht so oder so Fremden offen.

 

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