Über Stock und Wein
Vom 06.05.2010: Von: Kendra MietkeDas Elsass ist nicht nur dank der gutbürgerlichen Küche bei Urlaubern beliebt. In der Gebirgswelt der Vogesen kommen vor allem Wanderer auf ihre Kosten.
Nebelschwaden ziehen durch die hohen Bäume. Stetig rieseln Regentropfen auf die Köpfe der kleinen Wandergruppe. Eigentlich gilt das Elsass als eine der regenärmsten Regionen in ganz Frankreich. Doch davon ist an diesem Tag nicht viel zu merken. »Da haben wir wohl ein bisschen Pech«, gibt Wanderführer Gunther Schwab schmunzelnd zu. Er und seine Frau Antje erkunden die Region zwischen Rhein und Vogesen nun seit mehr als 20 Jahren zu Fuß. Heute zeigt das lauffreudige Ehepaar acht unerfahrenen Wanderern die südlichen Vogesen, eines der schönsten Naturgebiete im Elsass.
Westlich von Colmar, der drittgrößten Stadt der Region, führt die Wanderroute vom Lac Noir, er trägt seinen Namen im tristen Nieselregen völlig zu Recht, hinauf auf den Gebirgskamm. Die von Wanderexperte Schwab angepriesenen Naturschönheiten sind allerdings bei dichtem Nebel nur schwer zu erkennen. Tapfer stapft die Gruppe über den aufgeweichten Waldboden. Steine und Äste verwandeln sich in glitschige Stolperfallen, Füße finden schwer Halt. Immer wieder heißt es »Kopf einziehen« und sich an herabhängenden Ästen vorbeiducken. Keine leichte Wanderung. Und dennoch, der Anblick des grünen, in Wolken gehüllten Waldes ist wunderschön. Er erinnert ein bisschen an einen Märchenwald.
Kaum Bäume. Oben angekommen erstreckt sich die unter Naturschutz stehende Hochebene Hautes Chaumes in ihrer ganzen Schönheit. Dass es auf den 1.300 Meter hoch gelegenen Wiesen nur noch Heidekraut und niedrige Sträucher gibt, haben die Bauern im Mittelalter zu verantworten. Sie trieben ihr Vieh zum weiden auf den Vogesenkamm und fällten dafür fast alle Bäume.
Da sich der Nieselregen inzwischen in ein starkes Gewitter verwandelt hat, beschließt Ehepaar Schwab, den Wandertrupp von der Hochebene, die ein bevorzugtes Ziel für einschlagende Blitze ist, hinunter ins Tal zu bringen. Der Abstieg zum Lac du Forlet ist an manchen Stellen sehr steil und erfordert einige Balanceakte. Doch die Anstrengung lohnt sich. Der See unterhalb des Vogesenkamms liegt mitten in einer Felslandschaft und bietet trotz Blitz und Donner ein wunderbares Naturerlebnis.
Wenig Aufmerksamkeit. Die meisten Veranstalter haben das Potenzial der deutsch-französischen Region als Wanderziel bislang nicht erkannt. In den Katalogen finden solche Touren daher wenig Beachtung. Eine Ausnahme bilden Wikinger Reisen, Dertour und die Alpinschule Innsbruck (ASI). Bei ASI läuft das Elsass sogar so gut, dass erst kürzlich eine weitere Reise in die Gebirgswelt der Vogesen neu aufgenommen wurde, sagt Elfie Fuchs vom Verkauf Alpenprogramme im österreichischen Natters. Dertour setzt verstärkt auf die Kombination von Wein und Wandern, die für diese Region typisch sei, wie Katrin Holzbrecher, Dertour-Produktleiterin Frankreich erklärt.
Wandervielfalt. Durch die Vogesen verlaufen rund 16.500 Kilometer Wanderwege. Der älteste Wanderverein des Elsass, der Club Vosgien, hält dieses Wegenetz seit 1872 für Besucher instand. Länge und Schwierigkeitsgrad der einzelnen Touren sind dabei vielfältig. So gibt es kurze Wanderungen, die zwischen eineinhalb und drei Stunden dauern und bis zu zwölf Kilometer lang sind. Erfahrene Bergurlauber wandern auf schwierigeren Routen mit rund 18 Kilometer Länge. Während man in den Nord- und Mittelvogesen dichte Wälder, viele Burgruinen und Felsformationen entdecken kann, beeindrucken die Südvogesen mit Hochweiden, Gebirgsseen und mittelalterlichen Fachwerk-Weinorten wie Eguisheim oder Ribeauvillé. Während ihrer Tour sollten Wanderer unbedingt in eine der urgemütlichen Bauernstuben, eine der sogenannten Fermes Auberges, einkehren, die in fast jedem Dorf zu finden sind.
Die Wandertruppe ist inzwischen völlig durchnässt. Und so hat auch Reiseleiter Schwab ein Einsehen und bugsiert seine Schützlinge in eine Winstub, wie die urigen Weinlokale im Elsass heißen. Dort gibt es für die erschöpften Ausflügler erst einmal ein Glas einheimischen Grauburgunders. Prost heißt auf Elsässisch übrigens: »S’gilt«.
(Die Stadt Colmar wird wegen ihrer großen Ähnlichkeit zu der italienischen Lagunenstadt auch Klein-Venedig genannt.)
Elsass-Kompakt
Anbieter mit Übernachtung: Alpinschule Innsbruck, Dertour, Wikinger Reisen.
Lese-Tipp: Wanderführer »Elsass« (Michael Müller Verlag), mit 38 detaillierten Routenbeschreibungen, Einkehr- und Unterkunftsmöglichkeiten, Expertentipps und Weg-Zeit-Höhen-Diagrammen.
Nützliche Links: www.tourismus-elsass.com; www.weinstrasse-im-elsass.de


