Ägypten: Oasentouren durch die Westliche Wüste.
Vom 08.02.08: | Petra HirschelOasentouren durch die Westliche Wüste. Immer mehr Urlauber entdecken die Westliche Wüste. Sie suchen eine Alternative zu Nilkreuzfahrt und Badeurlaub am Roten Meer.
Immer mehr Urlauber entdecken die Westliche Wüste. Sie suchen eine Alternative zu Nilkreuzfahrt und Badeurlaub am Roten Meer.
Von den weißen Kalksteinformationen geht eine magische Anziehungskraft aus. Kaum halten die Jeeps an, springen die Frauen und Männer aus den Wagen, eilen zu den bizarren Gebilden hinüber und klettern hinauf – um dann von den ungewöhnlichen Aussichtsplattformen aus in die weite Ebene zu sehen und schweigend die Stille der Einsamkeit auf sich wirken zu lassen.
Zwei Tage ist die Gruppe bereits in der Westlichen Wüste unterwegs. Nach der Besichtung der Pyramiden im Kairoer Vorort Gizeh hat sie sich mit mehreren Jeeps auf den Weg Richtung Südwesten gemacht und ist nun in der Weißen Wüste angekommen. Die Reisenden gehören damit zu den relativ wenigen Besuchern des Landes, die statt einer Nilkreuzfahrt, eines Tauch- oder
Badeurlaubs eine Tour durch die abgelegenste Region Ägyptens gewählt haben.
"Das ist ein Nischenprodukt", weiß Heike Schulz, Leiterin des Hapag-Lloyd Reisebüros in Eschborn, und ergänzt: "Es wird in erster Linie von Leuten gebucht, die von Arabien begeistert sind und ihr Bild vervollständigen wollen." Doch mit steigender Resonanz, wie Ursula Reinert, Chefin von Oft Reisen, feststellt: "Die Touren werden immer stärker gefragt, wir führen sie jede Woche durch."
Fast alle Veranstalter mit Ägypten-Programm haben ihre Kataloge inzwischen mit Jeep-Reisen durch die Westliche Wüste bestückt. Sie wenden sich dabei keineswegs nur an Wüsten-Freaks, sondern sprechen durchaus den durchschnittlichen Urlauber an – der allerdings ein wenig Sinn für Abenteuer mitbringen sollte.
Von Oase zu Oase. Die Touren gleichen sich mehr oder weniger. Sie beginnen in Kairo, führen auf der einzigen befestigten Straße der Region zu den Oasen Bahariya, Farafira, Dachla sowie Al-Charga und enden nach rund 1.500 Kilometern in Luxor. Einige Anbieter erweitern den Trip durch einen zusätzlichen Bogen im Norden: Sie steuern von Kairo aus Alexandria und Marsa Matruh am Mittelmeer an, biegen dann in die Wüste ab, um nach 300 Kilometern die Oase Siwa zu erreichen und schließlich off-road die zirka 420 Kilometer bis Bahariya zu fahren.
Die längere Variante dauert knapp zwei Wochen, die kürzere acht Tage. Bei beiden erwartet die Teilnehmer viel Landschaft, sprich Steinwüsten in ockerfarbenen und schwarzen Schattierungen, unendliche Sandflächen und kegelförmige Berge. Aber auch reichlich Kultur: In der Oase Bahariya etwa liegt das "Tal der Goldenen Mumien". Seine Entdeckung 1996 war eine Sensation. Denn die Archäologen fanden dort mehr als 100 gut erhaltene Mumien mit Goldmasken. Zu der Ausgrabungsstätte haben Besucher in der Regel keinen Zutritt, doch sie können sich einige dieser rund 2.000 Jahre alten Fundstücke im Mumien-Museum der Oase ansehen. Aus einer anderen Zeit stammt die Altstadt von Al Qasr. Der Ort in der Oase Dachla wurde im zwölften Jahrhundert gegründet, der historische Kern, heute unbewohnt, besteht aus engen Gassen sowie Lehmhäusern.
Wenig Komfortverzicht. Die Teilnehmer der Rundreisen kommen fast täglich durch Orte und übernachten dort auch meist. Sie sind nie ganz von der Zivilisation abgeschnitten. "Die Touren in diesen Teil der Wüste sind daher ideal für Einsteiger", meint Günther Heubach, der bereits 30 Urlaube in verschiedenen Wüsten verbrachte. Wassermangel etwa – das gibt es bei Trips entlang der Oasenstraße nicht.
Selbst wenn die Jeeps die befestigte Straße verlassen und off-road in die Einsamkeit fahren, wird den Teilnehmern nicht allzu viel mehr abverlangt als bei jeder anderen Reise. Und steht eine Übernachtung in der Wüste auf dem Programm, müssen sie – abgesehen von einer Toilette und Dusche natürlich – nur auf wenig Komfort verzichten.
Die Fahrer der Jeeps entzünden ein Lagerfeuer, holen aus den Wagen Tisch und Stühle hervor und bereiten ein mehrgängiges Mahl zu. Zudem bauen sie für jeden Teilnehmer ein Zelt auf. "Und wenn wir wissen, dass ältere Leute dabei sind, nehmen wir Feldbetten mit", sagt Tamara Moussa von der Frankfurter Vertretung der Incoming-Agentur Pan Arab Tours, mit der zahlreiche Veranstalter kooperieren.
Viele Reisende richten sich ihr Schlafquartier jedoch nicht im, sondern vor dem Zelt ein. In den Schlafsack gehüllt blicken sie fasziniert hinauf zum leuchtenden Nachthimmel und folgen mit ihren Augen den zahlreichen Sternschnuppen, die sich ihren Weg durch das breite Band der Milchstraße bahnen.
"Eine Übernachtung in der Wüste kommt sehr gut an", weiß Oft-Chefin Reinert. "Ein wenig ‚Abenteuer‘ ist okay." Dort aber mehrere Nächte zu verbringen, wünschten ihre Kunden nicht. Ihre Gruppen schlagen ihr Nachtquartier in der Weißen Wüste auf, jener berühmten Wüste also, in der Wind und Wetter aus Kalkstein fantasievolle Skulpturen geschaffen haben. Wer hier länger als nur eine Nacht bleibt, bucht meist ein Kameltrekking, das Spezialisten wie Schulz Aktiv Reisen im Programm haben.
Sicherheitsvorkehrungen. Doch egal, wie sich die Urlauber fortbewegen – ihre Begleiter sind Beduinen. Die Agenturen engagieren die Männer aus der Wüste als Kameltreiber und Fahrer. "Sie kennen die Wege am besten und wissen, wo sie den sich ständig verändernden Sand passieren können", erklärt Moussa.
Die Männer von Pan Arab Tours steuern keinen Jeep, der älter als vier Jahre ist. Zudem haben sie stets ein Satellitentelefon dabei. "So können wir im Notfall einen Hubschrauber aus Kairo anfordern", sagt die Mitarbeiterin der ägyptischen Incoming-Agentur.
Besonders wichtig ist der stete Kontakt zur Außenwelt, wenn Gruppen tief in die Einsamkeit vordringen: Eine Tour geht etwa zum Gilf-al-Kabir-Plateau, wo sich prähistorische Felszeichnungen befinden – László Almásy, bekannt durch den Film »Der englische Patient«, entdeckte sie in den Dreißiger Jahren. "Das ist eine sehr harte Reise", betont Wüstenfan Heubach. Auf einer Strecke von rund 700 Kilometern gibt es keinen Brunnen, jeder Tropfen Wasser muss deshalb mitgenommen werden. Und sich zu waschen, ist tabu. Heubach macht das nichts aus. Doch er weiß: Nicht alle kommen damit zurecht. "Auch hält nicht jeder die Stille aus." Er dagegen kann nicht mehr ohne sie leben.
(TO 3/08)


