Großbritannien/Irland: Die Provinz blüht auf
Vom 27.02.08:London und Dublin sind auf den grünen Inseln nicht mehr die einzigen Anziehungspunkte für Städtereisende. Bristol, Liverpool, Belfast, Galway und andere holen mächtig auf.
Für viele Großbritannien-Reisende ist London ein Synonym für das ganze Land. Dabei vermitteln viele der kleineren Städte ein unverfälschteres Bild. Abseits der Metropole können Urlauber typisch britische Lebenskultur erleben, und auch hier gibt es eine Vielzahl kultureller Höhepunkte. Nicht zuletzt wegen der Angebote der Lowcost-Fluggesellschaften ist das Interesse an ihnen in den vergangenen Jahren gewachsen. Ende des 20. Jahrhunderts war in England außer London praktisch nur Manchester direkt aus Deutschland zu erreichen. Städte wie Newcastle, Bristol oder auch Nottingham waren weiße Flecken auf der touristischen Landkarte.
Das hat sich geändert. Auch die Veranstalter haben auf das wachsende Flugangebot reagiert und ihre Programme ausgebaut. So hat etwa Neckermann Aberdeen, Birmingham, Liverpool, Manchester und Oxford in den Katalog integriert.
Kleine Städte im Trend. Dertour bietet bereits seit einigen Jahren verstärkt wenig bekannte Orte wie Chester oder Bath an. »Gerade in Großbritannien gibt es viele kleinere Städte, die unter touristischen Gesichtspunkten sehr interessant sind«, sagt Produktmanagerin Kerstin Schön. »Bath ist für mich ein echter Geheimtipp. Die architektonisch sehr schönen Straßenzüge laden zum Bummeln ein. Und eine Stadtrundfahrt mit dem Doppeldecker sollte ebenso auf dem Programm stehen wie ein Besuch der römischen Badeanlage Roman Baths«, lautet ihre Empfehlung. Auch Kerstin Tegtmeyer, Geschäftsführerin der British Travel Company, empfiehlt Bath: »Es ist die einzige Stadt in England mit einer eigenen Thermalquelle.« Die Therme mit dem zungenbrecherischen Namen Thermae Bath Spa sei ein außergewöhnlich gelungenes Projekt mit sehr schönem Ambiente.«
Auch Holger Lenz rät zu den pittoresken »Honeypot-Städten« wie Oxford, Cambridge, York oder Canterbury. »Diese bieten den Gästen oft unerwartete Erlebnisse und sind wunderbar ins Umland eingepasst«, meint der Deutschland-Direktor von Visit Britain. »Diese Städte werden bei uns aber nicht als reine Städtreisen, sondern meist im Rahmen von Rundreisen angefragt«, meint Tegtmeyer, die auch Themenreisen zu historischen Städten im Programm hat. Ein Defizit sieht sie in Nord- und Mittelengland. »Hier ist eigentlich nur York gefragt, Newcastle wird meist nur als Gateway für Schottland genutzt«, so Tegtmeyer.
Bei den größeren Städten liegt für Lenz Manchester vorne: »Es ist ein unheimlich vielseitiges und abwechslungsreiches Ziel. Es gibt diverse interessante Kulturfestivals, eine Clubkultur und die Shoppingmöglichkeiten sind erstklassig.«
Aber auch Bristol hat es dem Großbritannien-Werber angetan. »Hier gibt es eine sehr junge Szene und viele Familien. Entsprechend ist auch das Angebot und die Atmosphäre in der Stadt.« Mehr Zulauf verspricht sich Lenz durch den neuen Lufthansa-Flug von Frankfurt nach Bristol. Auch eignet sich die Stadt als Ausgangspunkt für Fahrten nach Wales und die Hauptstadt Cardiff, die mit ihren historischen Gebäuden und den wiederhergestellten Hafengebieten punkten kann. Für Stefan Velte, Leiter Neckermann City & Events, ist Edinburgh die Stadt mit dem größten Potenzial, denn hier gebe es »immens viel zu sehen«. »Edinburgh hat sehr stark von den Lowcost-Airlines profitiert und steht bei uns mittlerweile an Platz drei der Nachfrage-skala, hinter London und Dublin«, berichtet FTI-Produktmanagerin Ulrike Schäfer.
Einen Schub erhofft sich Lenz von Liverpools Status als Kulturhauptstadt.
»Damit wird auch das Bewusstsein für die anderen Städte gestärkt. Im Zusammenhang mit Liverpool und im Hinblick auf die Olympischen Spiele in London 2012 wird es im ganzen Land in den nächsten vier Jahren ein stark ausgeweitetes Kulturprogramm geben.« Liverpool sei es gelungen, das Image der Arbeiter- und Industriestadt abzulegen. Heute ist der Kalender mit Ausstellungen, Lesungen bis hin zu Konzerten vollgepackt »Die Stadt kann sich bei geschickter Promotion langfristig gut entwickeln. Deshalb ist sie in diesem Jahr neu im Programm«, meint Velte. Anders sieht es bei Dertour aus. Die Konditionen, die die Hoteliers geboten hätten, seien nicht gut genug gewesen, sagt Dertour-Frau Schön.
Eine Renaissance wie Liverpool, Manchester oder Cardiff hat auch das nordirische Belfast erlebt. Die neue Waterfront Hall und die Odyssey Arena bieten rund ums Jahr Konzerte und Theateraufführungen. Themenspaziergänge führen auf den Spuren von Van Morrisson, George Best oder C. S. Lewis durch die Stadt. Neu ist der Titanic Trail, der über das in Belfast gebaute Schiff informiert. Die jüngere Geschichte der Stadt wird in der Gegend um die bekannten Straßen der Falls und Shankill auf den politischen Wandmalereien deutlich.
Ganz im Westen Irlands lädt Galway zum Besuch ein. Die Stadt mit ihrem durch die engen Straßen und Gassen mittelalterlichen Charakter liegt direkt am Eingang zum Connemara Nationalpark. Dabei ist Galway auch eine Stadt der Musik, denn Musiksessions aller Musikstile finden hier ständig statt. Im Pub Tigh Coili steht jeden Abend traditionelle irische Musik auf dem Programm.
Wolfram Marx


