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Der Ruf des Muezzin als täglicher Begleiter

Vom 12.11.08: | Andrea Volb

Von Istanbul nach Kas: Wer die Türkei individuell entdecken will, trifft auf ein gut funktionierendes Verkehrsnetz, hilfsbereite Menschen und jede Menge Lokalkolorit.


Vom Tag 15 der Reise an fehlt der Ruf des Muezzin. Und das ist dann fast schon nicht mehr richtig Türkei. Bis dahin, auf dem Weg von Istanbul die Westküste hinunter, gab sein Gebetsruf dem Tag vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang einen Rhythmus. In Istanbul, dem Startpunkt der dreiwöchigen Reise, war es ein ganzer Chor von Gebetsrufern, der mit dem ersten Sonnenstrahl aus den Lautsprechern der Minarette zu dem kleinen Hotel mitten in Sultanahmet vordrang und vom Zauber der Morgendämmerung ahnen ließ. Da war es Viertel nach fünf. Noch jede Menge Zeit bis zum Frühstück auf der Dachterrasse. Mit Blick auf die Hagia Sofia auf der einen Seite, auf die Blaue Moschee auf der anderen und in die noch von zu Hause mitgebrachte Zeitung. In der ist zu lesen, in der Metropole häufte sich Kritik, die die Vielzahl der Muezzin-Rufe als scheppernde Kakophonie geißelt, bessere Lautsprecher und Männer mit schöneren Stimmen fordert. 

Das Programm für Istanbul in vier Tagen ist straff und voller Höhepunkte: Blaue Moschee und Hagia Sophia, Großer Basar und Gewürzbasar, Hippodrom und Basilikazisterne. Der Topkapi-Palast, der allein einen ganzen Besichtigungstag verdient, und bei noch mehr Interesse am Sultansleben auch sein Nachfolger, der Dolmabahçe-Palast. Ein Bummel durch das moderne Istanbul jenseits der Galata-Brücke, ein paar Stunden im Hamam. Und eine Fahrt mit der Fähre den Bosporus hinauf, links Europa, rechts Asien. Die staatliche Linie endet in Anadolu Kavağli, einem kleinen idyllischen Fischerdorf auf asiatischer Seite, mit Blick von der Burgruine auf die Mündung ins Schwarze Meer. Bei einem Tee lässt sich dort trefflich über die strategisch bedeutende Meerenge an der Nahtstelle zwischen Orient und Okzident sinnieren – und so die Zeit bis zur Rückfahrt überbrücken. Wer die vorletzte Fähre um 17 Uhr verpasst und nicht bis zur nächsten und letzten um 22 Uhr warten will, dem bleibt der Bus. Er hält am Museum für moderne Kunst, und wenn es Donnerstag ist und das Museum erst abends um acht Uhr schließt, bleibt sogar noch Zeit für einen Besuch. Wenn nicht Donnerstag ist, entschädigt der Blick über das Goldene Horn auf die Dreisamkeit von Topkapi-Palast, Hagia Sofia und Blaue Moschee im Abendlicht für die entgangene Fähre. Und weil dieser Schmelztiegel der Kulturen so spannend ist, empfiehlt es sich durchaus, länger zu bleiben – bevor es weiter geht Richtung Süden.

Das Boot der Istanbul Fast Ferries über das im Süden an den Bosporus grenzende Maramameer fährt um sieben Uhr in der Frühe. Istanbuls Muezzine sorgen dafür, dass die Passagiere pünktlich in Yenikapi am Kai stehen. Per Bus geht es weiter nach Çanakkale und von dort nach Troja im Dolmuş, einem dieser Kleinbusse, die auch mal jenseits der Haltestellen anhalten und niemand winkend am Straßenrand stehen lassen. Die Verbindungen sind ideal für Reisende, die das Urlaubsland kennenlernen wollen, wie es bislang kaum in Katalogen präsentiert wird – abseits der Pauschalziele an der Südküste. Das individuelle Reisen gestaltet sich problemlos: Alle größeren Städte haben einen Otogar, einen Busbahnhof, an dem mehrere Anbieter vertreten sind und sich die Fahrtziele untereinander aufteilen.

Bei einer solchen Tour kommen Urlauber mit dem Alltag in Kontakt. Etwa in Tevfikiye, dem kleinen Bauerndorf direkt bei der Ausgrabungsstätte der Siedlung Troja, von der Homer in seiner Ilias erzählt. An dem Ort geht der Tourismus nahezu vollständig vorbei. Hier muhen Kühe und gackern Hühner, und wenn die Kuh ein Kalb gebärt, dann muht sie die ganze Nacht. Gegenüber dem Eingangstor zu den Ruinen gibt es ein Hotel und in der Dorfmitte vermietet ein altes Ehepaar in ihrer lila angestrichenen Varol Pansiyon plüschig eingerichtete Zimmer. Der Hausherr zeigt stolz seinen Garten mit Blumen und Weintrauben, von denen die Gäste naschen dürfen. Abends trifft man ihn im Lokal, wo es im Obergeschoss einfache türkische Küche gibt, während unten die Männer beim Tee sitzen. Halb zehn am Abend – und weit und breit ist keine Frau zu sehen. Die meisten Touristen besuchen Troja per Tagesausflug und sind schon längst weg.

In der Varol Pansiyon wohnen auch Archäologen der Universität Tübingen. In diesem Jahr endet ihre Arbeit in Troja, die sie in den achtziger Jahren begannen und von der sie abends erzählen bei einem Bier, das wie aller Alkohol so gar nicht hierher passen will. »Ausgrabungskolonialismus« sei in der Türkei heute nicht mehr gerne gesehen, sagen sie, der Staat protegiere heimische Wissenschaftler. Auf die Frage »Ephesos oder Pergamon« raten die Tübinger Fachleute zu einer Besichtigung von Ephesos (Foto).

Dieser Ausgrabung eilt zwar keine Homersche Dichtung voraus, doch bieten die wieder- aufgebaute Fassade der Bibliothek, das große Theater mit seinen 25.000 Sitzplätzen und die freigelegten Wohngebäude gewaltige Eindrücke. Pauschalurlauber und Kreuzfahrer werden dorthin mit Reisebussen gekarrt und abends wieder eingesammelt, so dass in den Bars im angrenzenden Städtchen Selçuk junge Leute und die Backgammon spielenden Männer aus dem Ort weitgehend unter sich bleiben.

In KaÅŸ, der vorletzten Station dieser Reise, setzen die Verantwortlichen auf Aktivurlauber. Im malerischen Stadtkern (Foto unten: Fremdenverkehrsamt) laden Veranstalter ein zu Mountainbike- und Wandertouren, Paragliding, Rafting und Canyoning. Am Hafen liegt ein Tauchboot neben dem anderen. Nicht weit entfernt gibt es Gelegenheit, in den Lykischen Weg einzusteigen, den die Sunday Times in die Liste der zehn schönsten Wanderwege der Welt aufgenommen hat.

Oder die Saklikent-Schlucht zu durchwandern mit ihren spektakulären weißen Felswänden. Reichlich Naturerlebnis, bevor es in die letzte, die Strandurlaubswoche geht. In der Ferienanlage dort gibt es keine Moschee und keinen Muezzin, dafür einen Irish Pub und italienischen Espresso. Zum Start in den Tag wird Yoga angeboten. Wenn dafür der Wecker klingelt, haben die Muslime das Morgengebet mit seinem ritualisieren Ablauf aus Stehen, Niederknien, die Stirn zum Boden neigen und wieder aufrichten schon längst hinter sich.

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