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Mit Pinguin und Albatros per Du

Vom 17.03.10: | Petra Hirschel, Fotos: Berno Nix

Millionen Tiere und Unmengen Eis machen Schiffsreisen in die Antarktis zu einem besonderen Erlebnis.


Die meisten Passagiere schlafen noch, als die Gruppe um sechs Uhr aufbricht. Dick eingepackt und mit Gummistiefeln an den Füßen springen die 30 Frauen und Männer nacheinander vom Schiff in Schlauchboote und brausen mit Tempo zur Küste. Anderthalb Stunden stapfen sie dann durch Eis und Schnee. Berge hoch und wieder hinunter. Bis Karin Strand stehen bleibt. Eine riesige Kolonie Zügelpinguine brütet unterhalb. Die Expeditionsleiterin lächelt zufrieden und blickt in die verblüfften Gesichter ihrer Begleiter, die sofort ihre Kameras zücken. Wieder und wieder fotografieren sie die Tiere. Die Mutter, die ihr wenige Tage altes Küken füttert. Das Pärchen, das sich laut trompetend und flügelschlagend begrüßt. Das Trio, das im Gänsemarsch flink einen vereisten Hang erklimmt.

Träume erfüllen sich an diesem Tag. Die Antarktis so zu erleben – das hat jeder gehofft. Schon am frühen Morgen, als die Fram durch die schmale Wasserstraße in die Caldera von Deception Island fuhr, verwandelte die Sonne die unwirtliche Landschaft in eine faszinierende Welt aus leuchtend schwarzem Gestein und orange-gelb schimmerndem Eis. Dann die Wanderung durch die stille, unberührte Natur. Und nun die Abertausend Pinguine. Fünf Meter Abstand sollten zwischen Mensch und Tier sein. Die Vögel kennen jedoch keine Scheu und wackeln auf ihre Besucher zu – von der Naturschutzregel haben sie schließlich nichts gehört.

Solche Erlebnisse sprechen sich herum. Jahr für Jahr bereisen im antarktischen Sommer mehr Touristen die letzte Wildnis der Erde. Bis weit in die 90er hinein erkundeten jährlich nicht einmal 10.000 Besucher die Polarregion. Mittlerweile aber leisten sich zwischen November und Februar rund 35.000 Naturbegeisterte die kostspielige Reise. Die Mehrzahl kommt mit einem der fast 40 Kreuzfahrtschiffe, die während der »warmen« Zeit Kurs auf den südlichen Kontinent nehmen. Nur wenige fliegen ins Eis.

Austausch. Karin Strand telefoniert. Während die Wanderer dem Treiben der Zügelpinguine zusehen, tauscht sich die Hurtigruten-Mitarbeiterin mit einem Kollegen der Prince Albert II aus. Das Kreuzfahrtschiff von Silversea Cruises liegt in Sichtweite vor der Küste. Und unten am Strand, dort wo die Tiere ins Wasser springen, gehen gerade einige Passagiere an Land. »Er will wissen, wie unsere Tour war«, sagt die Norwegerin und strahlt. Seit sieben Jahren arbeitet sie nun während des europäischen Winters für Hurtigruten in der Antarktis und kümmert sich auf der Fram um den Ablauf der sogenannten Expeditionskreuzfahrten. »Zwischen den Schiffen besteht keine Konkurrenz«, erklärt sie, »wir geben uns immer Tipps.«

Die Fram und die Prince Albert II begegneten sich in den vergangenen Wochen immer wieder. Die beiden Schiffe starteten gleichzeitig in Ushuaia. Die südlichste Stadt der Welt am äußersten Ende Argentiniens gilt als Tor zur Antarktis. Denn weder von Australien, Neuseeland oder Südafrika aus erreichen Kreuzfahrer schneller den weißen Kontinent. Die Anreise ist dennoch lang. Zwei Tage dauert es, bis nach rund 1.000 Kilometern wieder Land in Sicht kommt. Die Schiffe kämpfen sich durch die berüchtigte Drake-Passage, in der sich das Meer zu hohen Wellen auftürmt und der Wind aus Leibeskräften bläst.

Dieses Mal fährt die Fram nicht auf direktem Weg zur Antarktischen Halbinsel, jenen Zipfel des eisigen Kontinents, dessen Nordküste die meisten Besucher ausschließlich sehen. Sie macht einen Umweg über die entlegenen Inseln im Südatlantik. Auch dort herrscht raue See.

Das Schiff hebt sich und klatscht mit dem Bug aufs Wasser. Viele Stühle im Restaurant bleiben an diesem Tag leer. Erst am nächsten Morgen, wenn die Fram vor dem Falkland-Archipel den Anker wirft, wagen sich die Seekranken wieder aus ihren Kabinen.

Lektoren an Bord. Die Expeditionsleiterin schart ihr Team um sich. Den Ornithologen, die drei Biologen, den Geologen und den Historiker. Die sechs Wissenschaftler begleiten, wie bei den meisten Antarktis-Kreuzfahrten Usus, anstelle von Reiseleitern die Tour. Als Lektoren halten sie Vorträge über ihr Fachgebiet – und bilden bei Anlandungen die Vorhut. Die Gruppe setzt mit einem Schlauchboot zur Insel Carcass über und späht auf dem einsamen Eiland die »Sehenswürdigkeiten« aus. »Drüben am Strand sind die Magellanpinguine, auf der anderen Seite der Bucht brüten Eselspinguine und dort vorne sitzt ein Greifvogel«, heißt es dann, als kurz darauf nach und nach die 240 Passagiere folgen. Und am Nachmittag, auf New Island, stehen die Lektoren zwischen den Touristen am Rand einer Klippe und erklären das Verhalten der Vögel. Schwarzbrauenalba-trosse, struppige Felsenpinguine und blauäugige Königskormorane nisten gemeinsam auf den Felsen und veranstalten ein höllisches Spektakel.

Es ist das letzte Mal, dass alle Passagiere gleichzeitig an Land sind. Zwei Seetage später, auf Südgeorgien, gelten schon andere Spielregeln. Die Reedereien haben sich verpflichtet, das sensible Ökosystem am Südpol möglichst nicht zu beeinträchtigen. Nie dürfen daher mehr als 100 Touristen zum selben Zeitpunkt in einer Bucht anzutreffen sein. Auch nicht in Südgeorgien: Die Insel im Südatlantik befindet sich nördlich des 60. Breitengrades und damit außerhalb der eigentlichen Schutzzone. Dennoch wenden die Reedereien die Vorschrift auch oberhalb der Antarktis an. Südgeorgien ist allein schon wegen seiner riesigen Königspinguin-Kolonien – hunderttausend Tiere versammeln sich in manchen Buchten – das Naturparadies schlechthin.

Ständiges Rotieren. »Wir geben der Lyubov Orlova etwas Zeit ab«, erklärt Karin Strand über den Bordlautsprecher. Das Schiff war in einen Sturm geraten, das Programm daher durcheinander gewirbelt worden. Erst nachdem die Orlova die Fortuna Bay verlassen hat, beginnt die Fram mit der Ausschiffung ihrer Passagiere. In kleinen Einheiten, unterbrochen durch längere Pausen, bringen fünf Schlauchboote die mehr als 200 Passagiere an den Fuß der schroffen, mit Schnee bedeckten Berge. Ein penetranter Fischgeruch liegt in der Luft. Der Strand ist übersät mit Pelzrobben, die Männchen bewachen eifersüchtig ihren Harem samt quiekendem Nachwuchs. Weiter hinten betteln junge Königspinguine ihre Eltern um Futter an, und in einem Bach spielen Seeelefanten. Den ganzen Morgen liegt das Schiff in der Bucht. Nur anderthalb Stunden bleiben aber jedem. Mehr Zeit haben die Gäste der kleineren Hanseatic. Das Hapag-Lloyd-Schiff steuert am Tag zuvor zwei Buchten Südgeorgiens an. Und die 145 Passagiere können die jeweils vierstündige Liegezeit fast komplett ausnutzen. Am Tag davor allerdings läuft gar nichts. Ein heftiger Sturm verhindert jegliche Aktivität.

Flexibel. »Wer hierher reist, muss sehr flexibel sein«, weiß Karin Strand. Der Wind hat über Nacht die Regenwolken des Vortages weggeblasen. Der Himmel ist strahlend blau, das Wasser leuchtet türkisfarben. Morgens gehen in der geschützen Bucht von Grytviken noch alle an Land und staunen über die verrosteten Überreste einer Walfangstation. Die geplante Schlauchboottour vor einer Königspinguin-Kolonie aber verhindert der heftige Wind. Die Prince Albert II bricht zu diesem Zeitpunkt eine Anlandung ab.

Das Warten hilft nicht. Die Fram setzt schließlich ihre Reise fort und fährt, begleitet von elegant segelnden Albatrossen und Sturmvögeln, nach Süden. Nach einem Tag kommen die ersten Eisberge in Sicht. Das Schiff hat den äußersten Rand des antarktischen Meeres erreicht. Expeditionsleiterin Strand und Kapitän Arnvid Hansen sehen sich von nun an ständig die Eiskarten an. Sie macht Vorschläge, er wägt ab und entscheidet, wo es hingeht. »Wir müssen von Tag zu Tag neu überlegen«, sagt sie. Vor sechs Monaten reservierte sie bei der Vereinigung der Antarktis-Veranstalter die Insel Snow Hill im Weddellmeer. Doch lässt das unberechenbare Eis eine Anlandung zu?

Bereits in der Nacht, viele Stunden früher als gedacht, steuert Kapitän Hansen die Fram durch den antarktischen Sund. Das Schiff gleitet ohne Probleme an riesigen Tafeleisbergen vorbei, das Meer ist fast eisfrei. Karin Strands Hoffnung erfüllt sich trotzdem nicht. Kurz vor Snow Hill schließt sich die Eisdecke und versperrt so den Weg. Die gute Laune der Norwegerin verdirbt das keineswegs. »Das ist die richtige Antarktis«, meint sie beim Anblick der gewaltigen Mengen Eis. Weshalb manche enttäuscht sind, hier und nicht auf der bekannteren Westseite der Halbinsel zu sein, versteht sie nicht. »Der Reiz einer solchen Reise ist doch, das Unerwartete erwarten zu können.« So wie nach dem Besuch von Deception Island. Buckelwale tauchen direkt neben der Fram auf. Als letztes Bonbon vor der stürmischen Rückreise.

 

Antarktisreisen kompakt

Die meisten Kreuzfahrten führen in den Norden der Antarktischen Halbinsel und zu den vorgelagerten Inseln. Nur bei wenigen Reisen fahren die Schiffe über den Südpolarkreis. Besucht werden fast ausschließlich die Küsten, da sich nur dort Tiere aufhalten. Lediglich Kaiserpinguine ziehen ihre Jungen im Inland groß. Eine Reise dorthin erfolgt mit dem Flugzeug.

Die Anreise dauert lange. Allein für Hin- und Rückflug von Deutschland nach Ushuaia müssen vier Tage veranschlagt werden, hinzu kommen vier Seetage ins und aus dem Eis. Daher gilt: Genau hinsehen, wie viel Zeit tatsächlich für die Antarktis oder die südatlantischen Inseln bleibt.

Das sehr wechselhafte Wetter und das unberechenbare Eis verhindern die Planung einer exakten Reiseroute. Auch wenn die Veranstalter in den Programmen Ziele nennen: Die Reise kann komplett anders verlaufen.

Die Schiffsgröße spielt in der Antarktis eine wichtigere Rolle als anderswo – nicht nur in Bezug auf Seekrankheit und Preis. Da höchstens 100 Personen gleichzeitig an Land sein dürfen, bleibt auf kleineren Schiffen für jeden Passagier mehr Zeit als auf größeren Kreuzern. Ein sehr intensives Erlebnis erwartet etwa die höchstens zwölf Gäste der Hanse Explorer (Oceanstar). Auf Landgänge ganz verzichten müssen dagegen Passagiere von Ozeanlinern mit mehr als 500 Gästen.Bei den meisten Schiffen handelt es sich um sogenannte Expeditionsschiffe mit Eisklasse. Es machen sich aber auch Segelboote auf den Weg. Und nächsten Winter frisst sich letztmals der Eisbrecher Kapitan Khlebnikov (Quark Expeditions) durchs Eis. Der Komfort an Bord ist sehr unterschiedlich. Das Naturerlebnis steht im Vordergrund, populärwissenschaftliche Vorträge ersetzen in der Regel das Unterhaltungsangebot.

Es gibt keine Anlegestellen. Die Gäste werden mit speziellen Schlauchbooten (Zodiacs oder Polarcirkelboote) an Land gebracht und müssen auch mal durch knöchelhohes Wasser waten.

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