Im Land der Gewürze
Vom 29.09.08: | Bärbel SchwertfegerWilde Elefanten, einsame Strände am Arabischen Meer und geschäftiges Treiben in der Hafenstadt Cochin – der südindische Bundesstaat Kerala belohnt Reisende mit vielfältigen Eindrücken.
Es ist acht Uhr morgens. Dichter Nebel liegt über den Bergen der Western Ghats und taucht die weitläufige Hotelanlage in ein diffuses Licht. An der Rezeption reicht Prathip den Gästen sandfarbene Kniestrümpfe aus gestärkter Baumwolle, die sie bei der Wanderung durch den Wildpark über die Socken anziehen sollen. »Das schützt vor den Blutegeln«, erklärt der Mitarbeiter des Spice Village Resorts.
Am Eingang des Wildschutzgebietes wartet Sani. Er gehört zum Volksstamm der Mannan, die früher im Gebiet des heutigen Periyar Tiger Reserve wohnten. Als der einstige Jagdgrund der Maharadschas im südindischen Bundesstaat Kerala 1982 zum Nationalpark erklärt wurde, wurden sie umgesiedelt. Heute leben viele vom Tourismus. Erst im Januar wurde der Park auf 881 Quadratkilometer erweitert. Nur 44 davon sind für Touristen zugänglich. In den dichten Bergwäldern und Graslandschaften gibt es Leoparden, Sambar-Hirsche, Antilopen, Bisons, Elefanten und – laut aktueller Zählung – 36 Tiger.
Der Weg führt durch eine Schneise, links und rechts ragen Urwaldriesen in den grauen Himmel. Dann streift die Gruppe im Gänsemarsch durch dichtes Gebüsch. Auf einer Lichtung entdeckt Sani Fußabdrücke von Elefanten. »Die sind noch ganz frisch«, erklärt der Guide, nachdem er die tiefen Spuren im Morast genauer inspiziert hat. »Vielleicht sind sie noch in der Nähe.«
Am Nachmittag steht eine Bootsfahrt über den Periyar See auf dem Programm. Elefanten grasen am Ufer, Bisons streifen durchs Gebüsch, ein Biber gleitet ins Wasser und zudem ist der 26 Quadratkilometer große Stausee natürlich ein Paradies für Wasservögel. Wie Skelette ragen Jahrhunderte alte Baumstämme aus dem Wasser, Relikte aus der Zeit vor der Überflutung Ende des 19. Jahrhunderts. Viermal scheiterte der britische Ingenieur John Pennyquick damals, bevor sein Damm den Wassermassen standhielt. Noch heute sichert das Wasser den Bauern in den Trockengebieten des benachbarten Bundesstaates Tamil Nadu das Überleben.
Nach der Bootsfahrt führt Prathip die Gruppe durch den über fünf Hektar großen Hotelgarten mit seinen mehr als 200 verschiedenen Pflanzen. Er zeigt Pfefferranken, die sich um die Bäume winden, Kardamom-Stauden, Chili-Schoten, den schilfartigen Ingwer und das mannshohe Elefantengras, mit dem die Dächer der 53 Bungalows gedeckt sind. Schließlich sind die Cardamom Hills, wie das Gebiet auch genannt wird, berühmt für ihre zahlreichen frischen und guten Gewürze.
In unzähligen Kurven windet sich die Straße von den Bergen der Western Ghats ins Tiefland. Ständig ändert sich die Vegetation. Nach den dichten Regenwäldern säumen saftig grüne Teeplantagen die Straße, gefolgt von Kardamom- und Kautschukplantagen. Es wird immer wärmer und bei Kottayam beginnen die Backwaters, ein von Flüssen, Seen und Lagunen geschaffenes über tausend Kilometer langes Netz von Wasserwegen inmitten unzähliger Kokospalmen.
In Kerala gibt es überall genug Wasser. Denn eingepfercht zwischen dem Arabischen Ozean und den Western Ghats bekommt der knapp 600 Kilometer lange, schmale Bundesstaat das ganze Jahr über genug Regen. Am besten lässt sich das grüne Venedig auf einem Hausboot erkunden. Immer mehr Touristen schippern daher auf zu komfortablen Minihotels umgerüsteten Lastbooten durch das Wassernetz oder genießen die beschauliche Szenerie in einem Hotel an den Backwater-Seen.
Im Reigen der indischen Bundesstaaten war Kerala schon immer etwas Besonderes. 1957 erhielt der aus den drei Fürstentümern Malabar, Cochin und Travancore zusammengefügte Staat die erste frei gewählte, kommunistische Regierung der Welt. Seitdem wechseln sich Kommunisten und Kongresspartei zwar regelmäßig ab, doch die radikalen, religiösen Parteien haben kaum Chancen. Noch immer ist Kerala ein Musterbeispiel für das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Religionen. Farbenprächtige Hindutempel, Moscheen im Zuckerbäckerstil und wuchtige Kirchen aus Backstein existieren einträchtig nebeneinander, und die zahlreichen jährlichen Feste werden meist zusammen gefeiert.
Kerala gilt auch als einer der fortschrittlichsten Staaten Indiens. Das Bildungsniveau ist hoch. Es gibt ein funktionierendes Gesundheitssystem und die Lebensqualität ist eine der höchsten in Asien. Vor allem in den vergangenen Jahren ist der Wohlstand sichtbar gestiegen. Grund dafür ist vor allem der Wirtschaftsboom in den Vereinigten Emiraten. Über eine Million Keraliten arbeiten dort und schicken Geld in ihre Heimat. Überall entstehen neue Villen und Bürokomplexe und auf den Straßen drängeln sich neben den klapprigen Ambassador-Taxis immer mehr nagelneue Geländewagen.
Auch wenn der Tourismus in Kerala boomt, sind viele Strände noch unerschlossen. So haben die Gäste des nördlich von Alleppey gelegenen Marari Beach Resort den kilometerlangen Sandstrand für sich allein. Das im Stil eines Fischerdorfs gebaute Hotel ist eine Oase der Ruhe – ohne den in Indien allgegenwärtigen Lärm und ohne Fernseher.
Ein Treffpunkt für Globetrotter aus aller Welt ist der südlich gelegene hinduistische Wallfahrtsort Varkala mit seinen roten Klippen und weißen Stränden. Am Rand der Klippen reiht sich ein Restaurant und Café ans andere, und bunt gemalte Schilder werben für Yoga-Kurse und
Ayurveda-Massagen.
Pauschaltouristen zieht es dagegen meist noch weiter in den Süden nach Kovalam. An den Stränden südlich von Keralas Hauptstadt Trivandrum befinden sich neben etlichen Ayurveda-Resorts inzwischen auch einige Luxushotels.
Während Trivandrum nur wenig Sehenswertes bietet, sollten Kerala-Urlauber auf jeden Fall einen Stopp in Cochin einlegen. Vor allem in Fort Cochin geht es noch immer gemächlich zu. Denn der auf einer Landzunge inmitten einer riesigen Lagune gelegene, älteste Teil der Hafenstadt steht unter Denkmalschutz. Seit Jahrhunderten zog die Stadt Eroberer aus aller Welt an. Araber, Portugiesen, Holländer und Briten kamen und sicherten sich den lukrativen Gewürzhandel. Noch heute wird in den engen Gassen des einstigen Judenviertels um Kardamom, Zimt und Pfeffer gefeilscht. Auch mit China bestanden schon früh enge Handelsbeziehungen. Händler vom Hofe Kublai Khans brachten die riesigen Fischernetze mit ihren bis zu 30 Meter hohen hölzernen Gestellen nach Kerala.
Ein Spaziergang durch die engen Gassen mit ihren alten portugiesischen Herrenhäusern und Kirchen gleicht daher einer Zeitreise durch die letzten Jahrhunderte. Am Ende des einstigen Paradeplatzes liegt das Malabar House, eines der stilvollsten und mehrfach ausgezeichneten Hotels Indiens. Jedes der 17 Zimmer ein Unikat mit ausgefallenen Kunstwerken und antiken Möbeln. Als der Deutsche Jörg Drechsel das 200 Jahre alte Wohnhaus vor elf Jahren zum Hotel umbaute, gab es hier kaum Unterkünfte. Heute werden immer mehr alte Villen zu Hotels umfunktioniert und die Grundstückpreise sind längst explodiert. »Selbst ausländische Spekulanten haben Fort Cochin schon entdeckt«, erzählt Drechsel. »Gegenüber hat vor kurzem ein amerikanischer Hedge-Fonds ein 800 Quadratmeter großes Grundstück für 1,4 Millionen Euro gekauft.«
Weitere Informationen:
Das Visum für Indien ist erhältlich bei der Indischen Botschaft in Berlin, Tiergartenstr.17, 10785 Berlin, Telefon 030/25 79 50 oder bei den Konsulaten in München, Frankfurt und Essen.
Die beste Reisezeit ist von Oktober bis März. Von Juni bis September bringt der Südwest-Monsun viel Regen.
Buchtipp: Indien – der Süden, Reise Know-how Verlag Bielefeld, 2006
Das umfangreichste Kerala-Angebot hat der Indien-Spezialist Comtour im Programm www.comtour.de; außerdem sind Reisen in den südindischen Bundesstaat unter anderem buchbar bei Dertour, Dr. Tigges, Gebeco, Lotus Travel, Karawane Reisen sowie bei Marco Polo Reisen.


