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Namibia: Afrikanisches Freiluftkino

Vom 24.06.08:

Der Süden Namibias ist ein ideales Ziel für Wanderer. In Gruppen sind sie zu Fuß in privaten Naturschutzgebieten unterwegs und erleben Einsamkeit und Weite.


Das Aufstehen fällt an diesem Morgen extrem schwer. Doch nicht etwa, weil es noch keine sechs Uhr ist, die Beine müde vom Vortag sind oder es im Schlafsack mollig warm ist. Der Sonnenaufgang und der atemberaubende Rundumblick – dies hält die bereits Wachen in ihren Feldbetten fest. Von den Schlafplätzen unter freiem Himmel aus verfolgen sie, wie aus der Dunkelheit allmählich die weite, einsame Landschaft hervortritt. Anfangs gleicht sie einem Scherenschnitt. Dann taucht die hinter einem Gebirge hevorlugende Sonne die kargen Berge und den roten Sand der Dünen in ein warmes Licht, und die mit trockenem Gras bedeckte Ebene beginnt goldgelb zu leuchten. Eine schönere Schlafstätte, davon ist in diesem Moment jeder überzeugt, gibt es nicht.


Es war nicht die erste Nacht im Freien. Die Frühaufsteher wandern seit einigen Tage durch den Süden Namibias, und jeden Abend schlagen sie in abgeschiedener Natur ihr Quartier auf. Sie begegnen keiner Menschenseele, die Wüste gehört ihnen allein. Denn so unwahrscheinlich es klingt: Auf den 110 Quadratkilometern von Tok Tokkie Trails sind zu diesem Zeitpunkt nur die achtköpfige Gruppe und ihre Führer unterwegs. Und auch im Rest des Naturschutzgebietes lassen sich die Gäste an wenigen Fingern abzählen. Im Osten des staatlichen Nationalparks Namib Naukluft liegt das Namib Rand Nature Reserve, das mit 1.720 Quadratkilometern größte private Naturschutzgebiet des südlichen Afrika. Spring- und Spießböcke, Kudus und Zebras ziehen durch die trockenen Ebenen, Leoparden und Hyänen jagen in der schroffen Bergwelt. Menschen ist der Zutritt verwehrt – es sei denn sie zählen zu den Gästen der vier Unternehmen, die das renaturierte einstige Farmland touristisch nutzen dürfen: das Gästehaus Family Hideout, die Lodgebetreiber CC Africa und Namib Rand Safaris sowie der Anbieter der Tok-Tokkie-Trails-Wanderungen, Safaris Unlimited. Sie kommen sich nicht in die Quere, so fühlt sich jeder Besucher fern der Zivilisation.

Thomas Soutschka greift flink nach dem langbeinigen schwarzen Käfer, der über den roten Sand flitzt. »Ein Tok Tokkie, auf Deutsch Nebeltrinker«, erklärt er seinen Schützlingen. Anfang des Jahres übernahmen der Chef von Safaris Unlimited und seine Lebensgefährtin Kerstin Klein die nach dem Käfer benannte Wander-Marke Tok Tokkie Trails. Ihre Kunden kommen auf Grund der Ausrichtung der Vorbesitzer in erster Linie aus Frankreich, in Deutschland vertreiben sie die Touren bislang fast ausschließlich über Hauser Exkursionen.
Der deutsche Wahl-Namibier lässt den Tok Tokkie wieder los. Vier Stunden wandert er mit der Gruppe an diesem Tag durch die leicht gewellte Dünenlandschaft. Gestern waren sie neun Stunden auf den Beinen, stiegen hoch zum 1.772 hohen Gorrasis Mountain  und kletterten felsige Abhänge hinunter. Stets querfeldein, Wanderwege gibt es nicht. Nur durch die Nationalparks, wie im benachbarten Namib Naukluft, führen ausgeschilderte Pfade. Wohin Thomas Soutschka seine Gäste bringt, hängt von der Tour ab. Beim anstrengenderem Trekking tragen die Outdoor-Freaks ihr Gepäck selbst, bei der leichteren Variante genießen sie den Komfort eines Camps. Kerstin Klein und ihr Team bauen dann für die Wanderer Feldbetten samt Waschgelegenheit auf, kochen abends ein mehrgängiges Menü und bereiten das Frühstück zu.

Ortswechsel. Manfred Goldbeck steht am Rande eines Felsplateaus, tief unter ihm macht der Fisch-Fluss eine Schleife. »Viele Leute wollen oder können keine 15 Kilo tragen«, sagt der Chef von Gondwana Collection, ein deutschstämmiger Namibier. Nur wenige Meter von ihm entfernt schneiden seine Mitarbeiter Gemüse für das Abendessen klein, während die  angekommenenden Wanderer ungläubig über das Camp am Rande des Canyons staunen. Zwei Pferde und acht Maultiere haben das Gepäck hierher gebracht, Isomatten, Schlafsäcke und Kleidung sowie Lebensmittel viele Kilometer durch den Gondwana Cañon Park geschleppt. Lediglich Tisch und Stühle, Kochutensilien und Zelte (für diejenigen, die nicht unter freiem Himmel schlafen wollen) deponiert Manfred Goldbeck ständig in dem Camp.

Die Tiere begleiten die Wanderer während ihrer Tour durch die steinige Canyon-Landschaft unweit der südafrikanischen Grenze. Wie Namib Rand ist auch der 1.000 Quadratkilometer große Gondwana Cañon Park ein privates Reservat. Er entstand ebenfalls dadurch, dass engagierte Naturliebhaber (Goldbeck und ein Freund) Farmland aufkauften, Zäune entfernten und verschwundene Wildtiere wieder ansiedelten. Und er befindet sich auch neben einem großen Naturschutzgebiet: dem Fish River Canyon Nationalpark.
Der bis zu 27 Kilometer breite Canyon gilt nach dem Grand Canyon in den USA als die zweitgrößte Schlucht der Welt. Wanderer steigen im Nationalpark mit schwerem Rucksack die rund 500 Meter zum Fluss hinab. Steile Abbruchkanten und Hitze machen die mehrtägige Tour zu einem anstregenden Unterfangen. Maultiere nehmen hier niemanden die Last ab. Und auch im Gondwana Cañon Park ist es neu, dass Vierbeiner Gepäck transportieren. Vor rund zwei Jahren kam Manfred Goldbeck und seinen Mitstreitern die Idee, die drei Unterkünfte in ihrem Gebiet durch bequeme Trekkingtouren zu ergänzen. Sie suchten in ganz Namibia nach Maultieren, und Pferdekennerin Telané Greyling trainierte geduldig die zuvor teils misshandelten Tiere und bildete Führer aus. Nun, nach rund anderthalb Jahren, machten sie sich erstmals auf den Weg durch das steinige, unwegsame Gelände.

Telané Greyling wiegt mit einer Federwaage jeden Packsack. Mehr als zwölf Kilo pro Person erlaubt sie nicht. Sie will den Tieren keinesfalls zu viel aufladen, auch lässt sie die Vierbeiner nicht so lange durch die Canyonlandschaft kraxeln wie die Wanderer. Die Wege trennen sich irgendwann. Erst vor Einbruch der Dunkelheit treffen sich alle wieder. Während die Maultiere fressen und die Führer sich um das Abendessen kümmern, bereiten die Wanderer ihre Schlafstätte vor – unter freiem Himmel natürlich. Abertausende Sterne funkeln nachts über ihren Köpfen. Und am nächsten Morgen lädt die aufgehende Sonne zu einem Naturschauspiel: Die rotbraunen Steine, die trockenen Grasbüschel, die Berge am Horizont – alles beginnt zu leuchten.

Petra Hirschel

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