Hohe Türme, viele Katzen
Vom 27.07.2009: Von: Claudia SteinerEine Reise nach Istanbul mit Kindern ist anstrengend, manchmal eine echte Herausforderung, aber auch ein unvergessliches Erlebnis.
»Der fährt ja wie Jenson Button.« Unser Sohn Kilian (auf dem Foto mit seiner Mutter, unserer Autorin Claudia Steiner) ist von den Fahrkünsten unseres Taxifahrers schwer beeindruckt. Der junge Mann rast vom Atatürk-Flughafen die Küstenstraße entlang ins Zentrum. Tatsächlich überholt der Taxifahrer fast so kühn wie ein Formel-1-Fahrer und fährt schnittig in die Kurven. »Die fahren in der Türkei viel schneller als in Deutschland.« Kilian ist fünf Jahre alt und liebt Vergleiche.
Die Millionenmetropole am Bosporus ist »in«: Die Kunstszene boomt, die Club-szene kann gut und gerne mit London oder Berlin mithalten, es gibt Museen, Paläste und Basare, schicke Restaurants und trendige Cafés – aber was macht man mit Kindern in der Zwölf-Millionen-Metropole? Lange Besichtigungstouren würden kleinere Kinder nur langweilen. Aber wenn man sich Zeit lässt und sich dem Rhythmus der Kleinen anpasst, gibt es in Istanbul an fast jeder Ecke etwas Spannenderes zu entdecken – auch für Kinder.
Unsere sechs Monate alte Tochter Norah packen wir in ein Tragetuch. Den Kinderwagen haben wir gleich zu Hause gelassen, denn in Istanbul geht es ständig irgendeinen Berg rauf oder runter. Vom Stadtviertel Beyoglu hinunter an den Bosporus führen gefühlte 1.000 Stufen. Die Gehwege sind in der Regel schmal und oft unpassierbar, weil in der Mitte ein Baum steht oder eine ungesicherte Treppe in eine Souterrain-Wohnung führt. Wir nehmen Kilian immer an die Hand – sicher ist sicher.
Unser erster Spaziergang führt uns in die Istiklal-Straße im Trendviertel Beyoglu auf der europäischen Seite: Hier drängen sich Tag und Nacht Tausende Menschen, links und rechts reihen sich Cafés, Restaurants, Läden und Boutiquen aneinander. In der Mitte der Fußgängerzone rattert eine alte Straßenbahn. Wir steigen am Taksim-Platz ein und fahren über die Istiklal-Straße bis zur Endhaltestelle Tünel. Kilian sitzt während der etwa zehn Minuten dauernden Fahrt am Fenster und winkt den vielen Fußgängern zu – und er macht eine neue Feststellung: »Hier ist es viel voller als in München.«
Von Tünel aus laufen wir hinunter zum Galataturm und schauen kurze Zeit später vom 61 Meter hohen Aussichtsumgang auf die Stadt. »Ist das der höchste Turm der Welt?«, »Was für ein Meer ist das denn?«, »Woher kommt denn das Schiff hier?« Fragen über Fragen. Wir sehen von dem 1348 erbauten Wachturm aus den Bosporus, entdecken riesige Kreuzfahrt- und Containerschiffe und unzählige Möwen, die den Turm laut schreiend umkreisen. Dann spitzt Kilian die Ohren. Von Dutzenden Moscheen erklingt der Gebetsruf, immer mehr Muezzine stimmen ein. Kilian ist begeistert: »Woher kommt die Musik?«
Damit er weiß, woher die Gebetsrufe kommen, schauen wir uns am nächsten Tag eine Moschee an. Wir fahren mit dem Taxi nach Ortaköy, einem europäischen Künstler- und Ausgehviertel direkt am Wasser. Wir erklären ihm, dass die Menschen in der Türkei auch zu Gott beten, aber dass sie das eben nicht in einer Kirche, sondern in einer Moschee tun. Während Kilian seine Schuhe auszieht, setze ich mir ein Kopftuch auf. Kilian lacht: »Mama, jetzt siehst du aus wie eine alte Frau.« Von der Moschee aber ist er tief beeindruckt. »Wow, die Decke ist aber hoch. Das sind aber schöne Muster an der Wand.« Als wir wieder draußen sind, entdeckt Kilian die Minarette mit den Lautsprechern. »Ach, da kommt der Gesang her!« An der Ufer-Promenade schaut er dann einem Angler zu. Der alte Mann überlässt ihm sogar kurz seine Angelroute. Wildfremde Menschen kommen vorbei, kneifen ihn in die Wange und streichen ihm über die Haare. Kilian staunt – und sagt nichts. Um mich sammeln sich ältere Damen mit Kopftuch und bewundern unsere Tochter Norah. »Cok tatli, canim benim…« (»Oh wie süß, ja meine Liebe…«) Norah lacht. Sie ist noch nicht in der Fremdelphase, freut sich über jede Aufmerksamkeit und lässt sich – ohne sich zu beschweren – herumreichen.
Danach fahren wir in den Yildiz Park auf einen Spielplatz. Die Hälfte der Geräte steht kurz vor dem Zusammenbruch. Kilian stört das nicht. Er freut sich einfach, mal wieder rumtoben und rutschen zu können. Wir sitzen derweil im Schatten unter Bäumen, füttern unsere Tochter mit türkischem Babybrei und essen Käse, Brot und Oliven, die wir kurz vorher noch in einem Tante-Emma-Laden gekauft haben.
Nach mehreren Tagen in der Stadt sind wir dann doch reif für die Insel. Wir machen einen Ausflug auf die Prinzeninseln im Marmarameer (Foto). Auf der Bootsfahrt füttert Kilian mit Simit (Sesamkringeln) die Möwen, die das Boot begleiten. Auf Büyük Ada, der größten der Inseln, mieten wir ihm ein Fahrrad. Es geht vorbei an alten Holzhäusern und Villen mit Pool. An uns fahren laut klingelnd Pferdekutschen vorbei – Autos sind auf den »Inseln«, wie sie die Istanbuler schlicht nennen, nämlich verboten. Nach dem Istanbuler Chaos mit Autos, Bussen und Taxis ist der Ausflug die pure Erholung. Wir schlendern durch den Wald, sammeln Stöcke und machen eine Pause in einem malerischen Teegarten, während Kilian eine Runde auf einem Esel dreht. Eine Fünf-Minuten-Runde kostet umgerechnet etwa 1,50 Euro.
Später essen wir noch Fisch in einem der vielen Restaurants am Ufer, und Kilian füttert mal wieder Tiere, diesmal die Katzen. »In der Türkei gibt es viel mehr Katzen als in Deutschland«, murmelt er noch, als er auf der Rückfahrt auf dem Schiff erschöpft, aber glücklich einschläft.
Ausflugs- und Besichtigungstipps:
Yildiz Park:
Park in Besiktas mit Spielplatz, Cafés und diversen kleinen Restaurants.
Kilyos:
Badeort am Schwarzen Meer mit Mietschirmen und Restaurants. Vorsicht: Das Schwarze Meer hat teilweise starke Strömungen.
Rahmi M. Koc Museum:
Museum in Hasköy mit alten Zügen, Flugzeugen und Booten. www.rmk-museum.org.tr
Miniaturk:
Türkische Attraktionen und Baukunstmäler in Miniaturgröße. www.miniaturk.com
Istanbul Dolphinarium:
Delfin-Show in Eyüp.www.istanbuldolphinarium.com
Rumeli Hisari:
Alte Burg am Bosporus, die einst von Sultan Mehmet dem Eroberer gebaut wurde.
Prinzeninseln:
Inselgruppe im Marmarameer. Von der Bootsanlegestelle Kabatas fahren Boote zum Beispiel auf die Büyük Ada, die größte Insel. Auf den Inseln sind Autos verboten.
Tipps für Eltern
Spielplätze:
Im Zentrum gibt es kaum Spielplätze (fündig werden Urlauber im Park auf dem Taksim-Platz oder im Yildiz Park), und häufig sind sie beschädigt. Eltern sollten die Spielgeräte auf ihre Sicherheit kontrollieren, bevor sie ihre Kinder dort spielen lassen.
Kinderwagen:
Der Kinderwagen bleibt besser gleich daheim. Im Istanbuler Chaos (starker Verkehr, viele Treppen, anstrengende Anstiege, enge Bürgersteige) sind Tragetücher oder Kraxen einfach praktischer.
Liebkosungen:
Eltern sollten sich nicht wundern, wenn Türken ihren Kindern in die Wange kneifen oder sie sogar küssen. Dieses Verhalten mag gewöhnungsbedürftig sein, ist aber gut gemeint.
Essen:
Hochstühle und Kindermenus gibt es in Restaurants eher selten. Aber das Personal wird sich sichtlich bemühen, dass es Eltern und Kindern gut geht – und auch speziell für die Kinder was Leckeres zaubern. Früchte-, Gemüse- und Milchbreis gibt es in türkischen Supermärkten zu kaufen.


