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Lehrstunde in Toleranz

Vom 10.11.2009: Von: Tanja Ronge
Antakya, Hauptstadt der türkischen Provinz Hatay, liegt an der Stelle der antiken Großstadt Antiochia am Orontes. Dort leben Juden, Christen und Muslime friedlich miteinander.


Voller Inbrunst singt der Chor »Ali, ali Mevla«, ein alevitisches Lied, danach »Laudate Dominum« von Wolfgang Amadeus Mozart, später das hebräische Volkslied »Hava Nagila«. Zwischen den Stücken wird gescherzt und gelacht. Das Besondere: Die rund 70 Menschen, die hier im türkischen Antakya nahe der syrischen Grenze in einem Gemeinderaum der orthodoxen Kirche für ihre nächste Aufführung proben, gehören unterschiedlichen Religionen an. Sie sind Moslems, Christen verschiedener Konfessionen und Juden. Einmal pro Woche treffen sie sich, um gemeinsam zu singen.

Zum Repertoire gehören geistliche Lieder aller Religionen. »Das sind Lehrer, Studenten, Hausfrauen, Imams, Juden und Nonnen, eben ganz normale Menschen aus Antakya«, sagt Yilmaz Özfirat. Er ist als Chorleiter für die Organisation des »The Antakya Choir of Civilizations« zuständig und betont: »Das ist keine Show, diese Kultur der Toleranz wird bei uns gelebt. Wir sprechen alle dieselbe Sprache und glauben an denselben Gott.«

Ganz normale Menschen, aber solche, die trotz unterschiedlicher Religionszugehörigkeiten das Verbindende pflegen. »Musik bildet Brücken und baut Vorurteile ab«, sagt Barbara Kallasch. Und: »Wer singt, betet doppelt«, so die Pastoralassistentin, die im Chor singt und zudem eines der Gründungsmitglieder ist. Dieser wird von der städtischen Regierung finanziell unterstützt und ist mittlerweile über die Grenzen der Türkei hinaus bekannt. Im Dezember singen die Antakyer vor den europäischen Institutionen in Brüssel, außerdem in Amsterdam und Rotterdam. Und zur Internationalen Touristik Börse in Berlin im kommenden März ist ebenfalls ein Auftritt geplant. Kallasch, die aus Wiesbaden stammt, lebt seit 32 Jahren in Antakya und hat dort das Projekt »Begegnung der Religionen« gegründet. Frisch voller Eindrücke aus dem französischen Taizé, das für seine internationalen ökumenischen Jugendtreffen bekannt ist, sei sie als 20-Jährige auf dem Weg nach Jerusalem damals nach Antakya gekommen, erzählt sie. Dabei lernte sie im ehemaligen Antiochien am Orontes – dort, wo Paulus von Tarsus und der Apostel Petrus lebten – die Gemeinde kennen. »Es gab keine Ordensgemeinschaft und keinen Priester – und so bin ich nach meiner Rückkehr aus Jerusalem dort geblieben, um eine Gemeinschaft mit Menschen verschiedenen Glaubens zu gründen«, erzählt die 52-Jährige ihre Geschichte.

Damit möglichst viele Menschen dieses Projekt kennenlernen, pflegt Kallasch Partnerschaften mit Gemeinden in Deutschland wie zum Beispiel in Wiesbaden, Bad Urach oder Essen und bietet in Gästehäusern Pilgern aller Nationen Unterkunft. Sie hat sich dem Dialog der Kulturen verschrieben – und so haben manche Studienreiseveranstalter Begegnungen mit Barbara Kallasch und ihrer besonderen Gemeinde in ihr Programm aufgenommen. Es sei beeindruckend, was die Gemeinde dort aufgebaut habe, findet Dr. Georg Röwekamp, Geschäftsführer von Biblische Reisen. Weil sich der Veranstalter das Motto »Kulturen erleben – Menschen begegnen« auf die Fahnen geschrieben hat, besuchen Teilnehmer der Reise »Mit Paulus von Antiochien nach Ephesus« während ihres Aufenhalts in Antakya Kallasch und ihr Begegnungszentrum, das in der Nachbarschaft der katholischen Kirche sowie der Habibi Neccar Moschee liegt. »Die Menschen hier nennen dieses Stadtviertel deshalb auch das Dreieck Abrahams«, so Kallasch.

Auch Studiosus-Reisende lernen im Rahmen der Studienreise in die Osttürkei in Antakya das Begegnungszentrum kennen, genauso wie Teilnehmer einer Studienreise des Bayerischen Pilgerbüros. »Besuche dieser Art hängen immer auch davon ab, welche persönliche Kontakte existieren; so besuchen wir meist auch das Priesterseminar in Iskenderun«, erläutert Jürgen Neubarth, stellvertretender Geschäftsführer des Veranstalters, der im Auftrag der bayerischen Diözesen agiert und deshalb häufig für Sondergruppen wie Pfarreien, Ministranten, Verbände und Vereine individuelle Programme erarbeitet. Antakya, das frühere Antiochien, ist dabei ein wichtiges Ziel, spielte es doch in der Geschichte des frühen Christentums eine bedeutende Rolle. So besuchte beispielsweise Paulus die Stadt mehrfach während seiner Missionsreisen und hier war es auch, wo die Jünger Jesu erstmals als Christen bezeichnet wurden. Später war die Stadt zeitweise Sitz eines Patriarchen, der im Rang unmittelbar den Patriarchen von Rom, Konstantinopel und Alexandria folgte und zudem in der Zeit zwischen 252 und 380 Stätte von zehn Kirchenkonzilen. Ihre einstige Bedeutung lässt sich auch anhand der aufwändigen Mosaiken erkennen, die die Villen der wohlhabenden Einwohner schmückten. Besucher können die Kunstwerke heute im Museum von Antakya bewundern, das die zweitgrößte Sammlung dieser Art weltweit beherbergt. Würden alle Mosaiken ausgestellt, von denen viele aufgrund Platzmangel gar nicht zu sehen sind, sei es sicher die größte Sammlung des Erdballs, erzählt Reiseführer Samuel (auf dem Foto ganz rechts).

Besucher, die es in diese Region führt, werden sich auf jeden Fall unweigerlich mit dem Thema Religion beschäftigen. Zu den Sehenswürdigkeiten in Antakya zählt die Petrusgrotte, die als älteste Kirche der Welt gilt. In dieser natürlichen Höhle am westlichen Abhang des Stauris-Berges soll sich die erste christliche Gemeinde getroffen haben. In der Regel steht zudem ein Besuch in der Habibi Neccar Moschee auf dem Programm, außerdem die Besichtigung der griechisch-orthodoxen Kirche St. Peter und Paul sowie der katholischen Gemeinde in Antakya. Auch die Synagoge kann nach Vereinbarung besichtigt werden. Außerhalb der Stadt steuern Reisende meist das einstige Kloster von St. Symeon dem Styliten an, das rund 18 Kilometer von Antakya entfernt liegt. Dort wirkte und lebte der Wunderheiler Simon, der als Asket auf einer Säule lebte. Verbreitet wurde dieser Brauch in der christlichen Welt übrigens von St. Symeon dem Älteren (390 bis 459). Die Überreste des ihm gewidmeten Klosters liegen in Nordsyrien bei Aleppo.

Als weitere Sehenswürdigkeit der Region gilt die ehemals bedeutende Hafenstadt Seleukia Pieria. Von dort aus startete Paulus zu seiner ersten Missionsreise. Heute sind nur noch Reste der alten Stadtmauern zu sehen und der alte, versandete Hafen. Eine Besichtigung wert ist auf jeden Fall der Titus-Tunnel, der zur Zeit der römischen Kaiser Vespasian und Titus errichtet wurde. Dieser lässt sich durchwandern, für die rund 1.300 Meter des geschlossenen Teils ist eine Taschenlampe nötig.

Doch das Besondere in Antakya ist zweifellos das friedliche Miteinander der Religionsgemeinschaften. »Das ist keine Scheinheiligkeit, sondern kommt von Herzen«, betont Ali Yeral, der dort den Aleviten vorsteht – eine Religion, die sich in ihrer Theologie aus dem schiitischen Islam entwickelte, eine dogmatische Religionsauslegung aber ablehnt. »Petrus muss hier den Schlüssel zum Paradies verloren haben – und wir haben ihn gefunden«, so sagt das Barbara Kallasch. Beredtes Beispiel ist besagter multikonfessioneller Chor. Dessen Sänger besprechen nun, ob beim nächsten Abendessen die Partner mitkommen sollen oder ob sie unter sich bleiben. Eine Art Vereinsgeplänkel – aber eben eines der besonderen Art.

Antakya: Informationen in Kürze

Lage: An der Südküste (östliches Mittelmeer) in der Provinz Hatay (südlichste der Türkei), seit 1939 Türkei, vorher Syrien, rund 1.300 Küstenkilometer von Antalya.

Anreise: Zielflughafen Adana, mehrmals täglich mit Turkish Airlines und Lufthansa (Umsteigen in Istanbul); von Düsseldorf, Frankfurt und München mittwochs und samstags Direktflug; Transfer von Adana nach Antakya etwa drei Stunden.

Veranstalter: Biblische Reisen, Studiosus (als Teil einer Reise zu den Höhepunkten der Osttürkei), Bayerisches Pilgerbüro, Öger Tours (als eigenes Ziel und im Sommer als Bestandteil einer Rundreise, neu ab diesem Winter werden Flüge zum Flughafen Hatay nach Antakya angeboten).

 

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