ANA: Startschuss für Dreamliner-Linienflüge

Vom 23.01.2012: Von: Christian Schmicke


Pünktlich, aber dennoch spät hob All-Nippon-Airways-Flug NH 204 am Samstag in Frankfurt ab. Die Verspätung des ersten kommerziellen Interkontinentalfluges des „Dreamliners“ Boeing 787 (im Bild nach der Landung am Sonntagmorgen in Tokio-Haneda) von Frankfurt zum Flughafen Tokio-Haneda ist in der Tat bemerkenswert. Rund dreieinhalb Jahre liegen zwischen der ursprünglich geplanten Markteinführung und dem tatsächlichen Termin. Dafür ist auch das Flugzeug selbst bemerkenswert. Für die Airline-Industrie zählen in diesem Zusammenhang natürlich zuallererst die technischen Fakten. 20 Prozent Gewichtsersparnis durch Verbund-Kunststoffe mit Carbonfaser und jede Menge Detailarbeit. 20 Prozent weniger Treibstoffverbrauch als ein herkömmliches Flugzeug dieser Größe. Und – für den Startpunkt Frankfurt nicht unerheblich – bis zu 60 Prozent weniger Lärmemission bei Starts und Landungen. Zudem zählt für die Käufer der Flugzeuge natürlich, dass auch die Wartungskosten um 30 Prozent niedriger liegen sollen als gewohnt.

Flieger mit Aussicht. Aber auch die Passagiere des neuen Flugzeugtyps können einige Entdeckungen machen, die sich von ihren bisherigen Flugerlebnissen unterscheiden. Zu den augenfälligsten Neuerungen zählen die Fenster. Sie sind mit 47 mal 28 Zentimetern um rund 30 Prozent größer als die anderer Flugzeugtypen. Das verschafft nicht nur Passagieren an den Fensterplätzen eine bessere Aussicht – auch wer in der Mitte des Flugzeugs sitzt, kann beim Blick aus dem Fenster wesentlich mehr sehen als er es gewohnt ist. Clou der neuen Fenster ist zudem die Tatsache, dass sie ohne die Plastikblenden auskommen, mit denen andere Flieger verdunkelt werden. Denn auf Knopfdruck können die Fenster selbst mehr oder weniger stark abgedunkelt werden. Eine leichte Transparenz bleibt sogar bei kompletter Abdunkelung erhalten. Wie das funktioniert, mögen Technikexperten erklären. Tatsache ist jedenfalls, dass es funktioniert. Zusammen mit den größeren Fenstern führt die flexible „Dimmung“ der Fenster dazu, dass man sich während des Fluges - jedenfalls bei Tag - weniger von der Außenwelt abgeschottet fühlt. 

Großzügiges Raumgefühl. Angenehm fällt 787-Passagieren auch auf, dass die Toiletten geräumiger sind als an Bord gewohnt. Zwei der Toiletten verfügen sogar über Fenster. Und weil die Badezimmerkultur in Japan schon immer eine besondere Sache war, hat Dreamliner-Erstkunde ANA den Business-Class-Toiletten gleich ein Warmwasser-Bidet verpasst. Insgesamt ist das Raumgefühl an Bord des neuen Langstreckenflugzeugs großzügig. Im Passagierraum haben auch hochgewachsene Menschen nicht ständig das Gefühl, sich ducken zu müssen. Der geschwungene Bogen der Gepäckablage – auch sie ist übrigens üppiger dimensioniert als in anderen Flugzeugtypen – sorgt dafür, dass die Passagiere mit Ausnahme derer an den Fensterplätzen überall aufrecht stehen können.

Geräuschpegel höher als erwartet. Nicht ganz so leise wie erwartet ist die Boeing 787 im Inneren. Das Geräuschniveau ist zwar moderat, doch wirklich zu „flüstern“ scheint der Jet eher nach außen. Dies ist in erster Linie der Maxime der Gewichtsersparnis zu verdanken. Trotz aller Forschung und Innovation kommen die ersten Exemplare des Dreamliners um ein paar Tonnen schwerer auf den Markt als ursprünglich geplant. Jede Tonne Gewicht erhöht jedoch den Verbrauch. Und weil dieses Problem bei Boeing schon lange bekannt ist, hat man beim Einsatz von Dämmmaterialien offenbar eher sparsam gearbeitet.

Lockere Bestuhlung, große Business Class. In seiner Ausstattung bei All-Nippon Airways präsentiert sich der neue Dreamliner als komfortbetonter Langstreckenjet. Die Version, die zwischen Frankfurt und dem stadtnahen Flughafen Tokio-Haneda zum Einsatz kommt, verfügt lediglich über 158 Sitze, davon 46 in der Business Class. Die Kabinenausstattung ist der Tradition der Airline entsprechend in blau und hellgrau gehalten. Der Sitzabstand macht das Reisen auch in der Economy Class komfortabel und das Unterhaltungssystem mit Monitoren in den Rückenlehen sowie zahlreichen Filmen, Audio-Kanälen und Spielen verkürzt die gefühlte Reisezeit sowohl in der Business als auch in der Economy Class. In der Business Class zählen die Umwandelbarkeit der Sitze in flache Betten, große Monitore und voneinander abgeschirmte Einzelsitze zum Standard.

Gute Luft. Insgesamt macht der neue Dreamliner das Fliegen auf der Langstrecke durchaus angenehmer. Dazu trägt nach erstem Eindruck auch die Tatsache bei, dass sowohl der Luftdruck als auch die Luftfeuchtigkeit signifikant höher sind als in früheren Flugzeugmodellen. Das mindert unerwünschte Begleiterscheinungen wie angeschwollene Füße und Hände, trockene Haut oder Reizhusten spürbar. Nun muss der Jet seine Tauglichkeit in der Praxis beweisen. Gelingt dies, dann hat die Luftfahrt im Bereich der Langstreckenfliegerei in der Tat einen bemerkenswerten Schritt nach vorn gemacht. 

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