Wieder zurück: Modellbau und Gänsehaut
Werte “Mitreisende”!
Nun sind wir wieder zurück und hinter mit türmt sich ein Modell des Fuji-san, gebaut aus schmutziger Wäsche, auf.
Bevor ich mich daran mache, hier den Männerhaushalt wieder auf Vordermann zu bringen (mein Sohn schickt sich nicht an sein Zimmer aufzuräumen, weil er gerade damit beschäftigt ist, das mitgebrachte Origami-Buch “durchzufalten”) und den letzten Wäsche- und Prospekteberg aus dem Koffer zu schaufeln, möchte ich noch ein wenig über das berichten, was ich bisher nicht geschafft hatte.
Zunächst zum Koyasan. Das was für christliche Pilger Santiago de Compostela in Spanien ist, ist der Berg Koyasan für die Buddhisten in Japan. Ein Pilgerweg der sich über 1.100 Kilometer durchs Land zieht, endet für die Gläubigen am Koyasan. Wir hatten die Ehre, dass Kurt Genso uns persönlich eine Führung durch den Ort und dessen Heiligtümer anbot. Kurt Genso ist gebürtiger Schweizer und lebt mit seiner Frau (wieder eine neue Erkenntnis: Mönche des Shingon-Buddhismus haben durchaus auch Ehefrauen!) seit mehr als einem Jahrzehnt als buddhistischer Mönch im Tempel Muryokoin. Der Muryokoin ist nicht nur Tempel sondern auch “Shukubo”, wie man die Tempelherbergen hier nennt. In Koyasan gibt es insgesamt 117 Tempel, wobei 53 davon, Übernachtungen für Pilger und ausländische Gäste anbieten.
Wie schon kurz beschrieben, hatten Ute und ich diesmal Einzelunterbringungen in nebeneinander liegenden Tatami-Zimmern, die durch dünne Wände getrennt waren. Unsere Zimmer waren jeweils noch in den Wohn-/Schlafbereich und einen kleinen Vorraum geteilt, in dem Frühstück und Abendessen von den Mönchen serviert wurden. Übrigens wird in Tempelunterbringungen nicht nach Zimmern bezahlt, sondern der Preis richtet sich nach Futon. Man kann ein Zimmer mit bis zu fünf Futons ausstatten oder eben auch nur mit einem, so wie das nun bei uns der Fall war - der Preis pro Person bleibt gleich und lag im Falle unserer Unterbringung bei 10.500 Yen inklusive Abendessen und Frühstück. Die Einnahmen aus den Übernachtungen werden von den Tempeln auch dringend benötigt, nachdem der Erhalt der aufwändigen Bauten sehr viel Geld verschlingt. Allein die Dächer sind mit unzähligen kleinen Schindeln gedeckt und nur noch wenige Handwerker beherrschen deren Anfertigung. Ganz Koyasan ist übrigens Weltkulturerbe und der Zauber des Ortes erschloss sich schon bei unserer ersten kleinen Führung am Ankunftstag.
Kurt hüllte uns zunächst in einen Sprühnebel aus Insektenschutzmittel und eilte dann im Laufschritt mit uns zu den Haupttempeln des Ortes, um uns dort einen Überblick über den Shingon-Buddhismus, die Architektur, Geschichte, Philosophie und das Leben im Allgemeinen zu geben. Während wir eilten (die Tempelanlagen schließen am Abend ihre Tore) entriss Kurt immer wieder Ute die Kamera und ging seinem Hobby, dem Fotografieren nach :-). Kurt ist so gar nicht, wie man sich einen Mönch vorstellt: Es überraschte nicht nur, dass er seit 30 Jahren verheiratet ist, eine erwachsene Tochter hat und im früheren Leben ein erfolgreicher Geschäftsmann war, sondern auch seine Einstellung zum Leben und sein Bekenntnis, dass er weder ein gläubiger noch ein religiöser Mensch ist, waren etwas, das wir von einem Mönch nicht erwartet hatten zu hören.
Wie Ihr seht liebe “Mitreisende”, war unsere Reise in vielerlei Hinsicht ein “Adventskalender” :-). Zwar hatte ich noch keine Gelegenheit Utes Bericht zu lesen, aber wir waren uns einig, dass bei unserem Besuch in Koyasan die Person Kurt Genso ebenso interessant und spannend war wie der Ort an sich. Wir besichtigten mit ihm einige der wichtigsten Tempelanlagen und die große Konpondaito Pagode und saßen dann noch länger auf den Stufen eines Tempels, während Kurt erzählte und die Dämmerung langsam einsetzte. Im Dämmerlicht wurden die vielen hundert Laternen eingeschaltet, die die Dächer der Tempel zierten und der Ort begann noch mehr seine Magie zu entfalten. Auf unserem Weg mit Kurt stellten wir übrigens fest, dass dieser Gott und die Welt - ähm, Buddha und die Welt?- dort kennt. Mit jedem, dem wir begegneten, wechselte Kurt ein paar Worte und wenn es nur ein “o-genki desu ka?” (ein “Wie geht’s”) war :-)).
Nachdem uns schließlich die Mägen schon bis zu den Knien hingen, wurde es gegen 19 Uhr langsam Zeit zum Muryokoin zurückzukehren. Vom Abendessen wussten wir bereits, dass es dort vegan zubereitet würde und shojin-ryori hieße. Tatsächlich standen unsere Tabletts auch schon bereit, und Kurt erklärte uns, wie sich das Essen zusammensetzte und in welcher Reihenfolge es üblicherweise gegessen wurde. Nachdem was er erzählte, schien das Essen eine sehr ausgeklügelte Sache zu sein, die sich gezielt an den Bedürfnissen des Körpers orientierte. Beispielsweise war auf dem Schälchen mit den “japanese Pickles” (übrigens ein echtes Horrorgericht für mich - man möge mir verzeihen
) eine kleine eingelegte und sehr säuerliche Pflaume zu finden, von der Kurt meinte, bei täglichem Genuss würde sich der Säurehaushalt des Körpers normalisieren. Als großer Fan von “MitKäseüberbackenem”, hatte ich Schwierigkeiten damit, mich auf gesunde und harmonische Ernährung umzustellen :-). Die Gerichte sahen alle phantastisch aus und waren unendlich liebevoll arrangiert! Ein absoluter Hingucker und die Japaner sind bekannt dafür, dass sie die weltweit höchste Lebenserwartung haben, der Geschmack war allerdings oft für uns sehr ungewohnt. Manchmal extem säuerlich oder auch in der Konsistenz irgendwie “matschig”. Während Ute mit Begeisterung alles durchprobierte, gestehe ich: ich aß heute als Willkommensmahlzeit wieder Pizza ;-).
Na jedenfalls hatten wir eine ruhige und diesmal etwas längere Nacht als sonst, nachdem wir ausnahmsweise früh zu Futon gingen. Der Wecker wurde allerdings auch schon wieder auf 5.30 Uhr gestellt, nachdem wir zur morgendlichen Feuerzeremonie in den Tempel geladen waren. Mit den roten Pantoffeln schlurfte ich morgens zum Klo, um dann in die grünen zu wechseln und dann wieder in die roten und dann… Egal, ich war rechtzeitig mit Ute im Tempel, wenngleich meine Augen im Halbdunkel zunächst auch nur halb aufgingen ;-). Der Tempel teilte sich in zwei Bereiche und den Platz für die Besucher. Der Raum war düster und relativ niedrig. Im linken Bereich war ein Mönch bereits dabei Holzstäbchen vorzubereiten, während die Mönche inklusive Kurt langsam den rechten Bereich des Tempels füllten und sich um einen Tisch gruppierten. Übrigens war auch eine Novizin mit dabei. Die beiden Teile des Tempels waren durch eine Zwischenwand voneinander getrennt, die hinten jedoch einen Durchgang freiließ. Die Besucher hatten eine Reihe von Hockern an der Längsseite mit Blick auf beide “Kammern” zur Verfügung. Vor Beginn der Morgenmeditation erklärte Kurt uns kurz, dass diese von 6.00 Uhr bis etwa 7.15 Uhr dauern würde und wir eingeladen wären, dem Gründer der Glaubensrichtung “Kobodaishi” ein Opfer in Form von Tee darzubringen.
Mit einleitenden Glockenschlägen ging es los. Der einzelne Mönch zu unserer Linken fing an, ein Feuer auf einer kleinen dafür vorgesehenen Feuerstelle zu entfachen. Die Mönche zu unserer Rechten hoben mit ihren Rezitationen an und es entstand eine ganz eigene Stimmung im Raum. Der monotone Singsang, den Kurt mit den gregorianischen Chorälen verglich, ließ alles irgendwie schwingen und die tiefen Töne erzeugten gelegentlich Gänsehaut bei mir. Gepaart mit dem Feuerritual, bei dem der Mönch mit Holzstäbchen und diversem Räucherwerk eine recht beachtliche Flamme zum lodern brachte, hatte man das Gefühl, an einer Art Zauber Teil zu haben. Gegen Ende der Zeremonie lud ein Mönch uns ein, ein Opfer darzubringen. Auf seine Anweisung hin stellten wir ein Schälchen mit Tee als Gabe vor eine Statue des Gründers der Shingon-Schule “Kobodaishi”. Diese befand sich im “Feuerraum”. Wir gingen danach durch den Durchgang in den “Rezitationsraum”, um dort noch zusätzlich Teeblätter in ein Kästchen zu streuen und danach wieder auf unsere Plätze zurückzukehren.
Während des gesamten Rituals wechselten gelegentlich Tonhöhe oder auch das Tempo der Rezitationen, bis schließlich das Feuer ausging und kurz danach auch die Klänge der Mönche verebbten.
Was für eine Art den Tag anzufangen und was für ein einzigartiges Reiseerlebnis!!!!
Kurt erklärte uns und den anderen Gästen (darunter zwei Frauen aus Deutschland) kurz, was genau bei der Meditation passierte und lud uns dann in einen der größeren Tatamiräume zum Tee, gemeinsam mit den restlichen Gästen des “Shukubo”, die nicht alle an dem morgendlichen Ritual teilnahmen.
Wie es den Anschein hatte, kommen immer wieder interessante (ein Filmemacher zum Beispiel der für “Discovery Cannel” an einer Doku über Koyasan arbeitet) und interessierte (eine alleinreisende junge Frau aus Deutschland, die nach einer Geschäftsreise noch eine Woche auf eigene Faust durchs Land reist) Menschen nach Koyasan. Beim Tee mit Kurt ergaben sich Gespräche unter den Gästen und ein kleiner Gedankenaustauch untereinander. Nachdem unser Zug allerdings schon gegen 13 Uhr Koyasan wieder verlassen würde und unser Frühstück bereits bereit stand, mussten wir erneut in den üblichen Laufschritt verfallen. Etwas, das man sonst an diesem zauberhaften Ort der Ruhe vermeiden sollte, weshalb es auch sehr ratsam ist, Koyasan mindestens zwei Nächte zu besuchen!
Wir jedenfalls machten uns nach dem Frühstück auf, um mit Kurt den berühmten alten Friedhof des Ortes zu besuchen. Der Friedhof beherbergt Grabstätten, die bis zu 800 Jahre alt sind und gehört mit seinem alten Baumbestand ebenfalls zum Weltkulturerbe. Eine der deutschen Damen berichtete mir beim morgendlichen Tee, dass ein Japaner sich auf dem Weg an den Grabstätten vorbei, zu ihr gesellte, weil dieser Angst davor hatte, diesen Ort alleine zu besuchen. Tatsächlich haben wir in Japan Orte entdeckt, die eine gewisse Mysthik ausstrahlen. Die Vielzahl von Steinornamenten, die die Elemente symbolisieren und zwischendrin immer wieder Statuen verschiedener Buddhas, sowie die hohen Bäume und auch gelegentlich der Nebel dort, können einem sicher Angst einflößen. Geht man den Hauptweg bis zum Ende, dann mündet dieser irgendwann in eine kleine Brücke. Wenn man die Brücke überquert kommt man in den heiligen Bezirk des Okunoin-Tempels und ab diesem Bezirk ist Fotografieren nicht mehr gestattet.
Das Mausoleum des Kobodaishi, der in Japan unendlich verehrt wird und der den Shingon-Buddhismus aus China eingeführt hatte, befindet sich unmittelbar hinter dem “Okunoin”. Die Gläubigen opfern Räucherstäbchen und richten Ihren Blick auf das Mausoleum, während sie ihr Mantra sprechen und einen Wunsch äußern. Kurt bringt uns das Mantra bei und lässt uns frei, ob wir es gemeinsam mit ihm siebenmal sprechen wollen. Wir wollen und zum ersten Mal sind wir nicht außenstehende Beobachter einer fremden Kultur, sondern ergriffene Teilnehmer. Wir sprechen das Mantra und auch ich merke, wie das Aufsagen der Laute den Körper in Schwingung versetzt. Als wir uns wieder vom Mausoleum entfernen, sind wir sehr still…
Koyasan ist ein besonderer Ort, erklärt Kurt uns. Von Kobo-daishi heißt es, er würde im Mausoleum in Meditationsstellung verharren und auf die Ankunft des Maitreya, des zukünftigen Buddha warten. Es heißt auch, dass Kobu-daishi zweimal täglich das Mausoleum verlässt und durch den Ort geht. Kurt meint, Koyasan wäre ein Ort, an dem nicht alles, was dort passiert, wissenschaftlich erklärbar wäre. Ein Beispiel nennte er uns nicht, aber auf einem meiner Fotos ist ein komischer Lichtreflex ;-).
Unsere Reise endete gestern nach einer zunächst langen Anreise zum ANA Crowne Plaza am Flughafen Narita. Um uns auf ewig für’s Fliegen in der Economy Klasse zu verderben, reservierte All Nippon Airways uns einen Platz in der Business Klasse. So schön kann fliegen also auch sein :-). Wir wissen jetzt, dass Business Klasse bedeutet, dass man seine Füße ausstrecken kann und immer noch nicht an die Wand stößt, während man mit echtem Besteck von echtem Geschirr echt gutes Essen kriegt. Einfach Klasse!!!! Wir klappten unsere Sessel in Liegeposition und sahen alle (naja zumindest 3) Filme die das Entertainmentprogramm hergab.
Wir hatten eine wunderbare Zeit in Japan und haben viel erlebt und viele nette Menschen getroffen (thanks a lot again for the picture Lisa Takahashi! ;-)). Nie hätten wir geahnt, dass es eine derartige Dichte von Weltkulturerbe-Stätte irgendwo geben könnte und obwohl Ute in Kyoto den ehrgeizigen Plan hatte ALLE (16!) zu besuchen, schafften wir das bei weitem nicht :-). Wir sahen wunderbare Dinge, darunter pulsierende Großstädte, einen imposanten Vulkan, stinkende Schwefelquellen, traumhafte Gärten, herrliche Tempel, gastfreundliche Menschen, ulkige Modetrends (Gummistiefel bei 40 Grad ?!), hilfsbereite Hotelangestellte, ehrliche Finder, freundliches Flughafenpersonal (!!), schnelle Züge mit funktionierenden (!) Toiletten, Toiletten!!!!!!….
Ach, es gäbe noch sooooooooooo viel zu schreiben!
VIELEN DANK AN DIE EDLEN SPENDER DER TOUR! VIELEN DANK AN TRAVEL ONE UND VIELEN DANK AN JNTO auch für das Vertrauen, dass Sie alle uns und unseren Schreibkünsten entgegengebracht haben!
GANZ BESONDEREN DANK AN UNSERE “VIRTUELL MITREISENDEN”, DIE HOFFENTLICH EIN BISSCHEN SPASS MIT UNS HATTEN (und mir miese Kommasetzung und Rechtschreibung verzeihen?) UND SICH JETZT SELBST AUF DEN WEG NACH JAPAN MACHEN!
Und Danke an Ute, die mir nächstes mal auf Okinawa das Surfen beibringt ;-))))!
Itte mairimasu
Regina



































